Manipulation der Geschichte: Die Hohenzollern und die Nationalsozialisten

Berliner-zeitung

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31.07.2019 02:54

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Im Streit um die Entschädigung der Hohenzollern für Liegenschaften, die die Sowjetunion ihnen nach 1945 abnahm, spielt die Frage nach der Haltung des Clans zu den Nazis eine wesentliche Rolle. Die Historikerin Karina Urbach ist ihr nachgegangen.

Frau Urbach, Ihre Arbeiten haben nichts mit dem Prozess zu tun, den die Hohenzollern gerade anstrengen? Sie haben kein Gutachten geschrieben?

Nein. Christopher Clark („Die Schlafwandler“) hat 2014 ein Gutachten verfasst, das die Ansprüche der Hohenzollern unterstützen soll. Die Gutachten der deutschen Historiker Peter Brandt und Stephan Malinowski widersprechen den Forderungen der Hohenzollern. Keines der drei Gutachten ist bisher öffentlich.

Worum geht es?

Um Liegenschaften, die die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet hatte. Eine Rückgabe ist ausgeschlossen. Aber Georg Friedrich Prinz von Preußen, das heutige Oberhaupt der Hohenzollern, fordert eine Entschädigung von 1,2 Millionen Euro. Die steht ihm rechtlich zu, es sei denn, die Hohenzollern hätten einst dem „nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub“ geleistet.

Haben Sie?

Auf jeden Fall. Die Hohenzollern hatten zwei große Vorbilder – den italienischen König Viktor Emanuel III., der Mussolini mit zur Macht verhalf und in Spanien König Alfonso XIII., der mit dem autoritären General Miguel Primo de Rivera regierte. So etwas Ähnliches strebten die Hohenzollern für Deutschland an. Ihr Mussolini war Adolf Hitler. Sie dachten, Hitler könne ein Steigbügelalter sein, um sie wieder auf den Thron zu bringen. Also machten sie In- und Auslandspropaganda für die NSDAP. Kronprinz Wilhelm veröffentlichte zum Beispiel in der amerikanischen Presse einen Artikel in dem er „Marxisten und Juden“ vorwarf, Hitler zu untergraben, und er prophezeite, „die Welt würde Hitler noch dankbar sein, den Bolschewismus bekämpft zu haben“. In seinen Briefen an Lord Rothermere, den britischen Zeitungsmagnaten, beschrieb der Kronprinz detailliert seine Hilfe für Hitler: „Bei der Reichspräsidentenwahl habe ich öffentlich erklärt, dass ich für Hitler und gegen den Feldmarschall von Hindenburg votieren werde. Ich glaube, ich habe dadurch aus dem Kreis meiner Stahlhelm Kameraden und aus dem Bereich der deutschen Nationalisten rund zwei Millionen Stimmen für Hitler gewonnen.“

Und als es dann nichts wurde mit dem Thron?

Sie waren begeistert von Hitlers Eroberungskriegen. Das war in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik. Der Kronprinz gratulierte Hitler am 26 Juni 1940 per Telegramm: „Mein Führer! Ihrer genialen Führung, der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen (…) ist es gelungen, in der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp 5 Wochen Holland und Belgien zur Kapitulation zu zwingen, die Trümmer des englischen Expeditionscorps in das Meer zu treiben. (…) Mit dem heutigen Tage ruhen die Waffen im Westen, und der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion. In dieser Stunde von größter historischer Bedeutung möchte ich Ihnen als alter Soldat und Deutscher voller Bewunderung die Hand drücken. Gott schütze Sie und unser deutsches Vaterland!“

Sie sind in die Archive gegangen und haben versucht herauszufinden, was die Hohenzollern, allen voran damals der Kronprinz Wilhelm taten.

Man muss in ausländischen Archiven nach Briefen suchen, denn das Hausarchiv der Hohenzollern, steht der Forschung nicht offen. Der Nachlass des Kronprinzen zum Beispiel ist überhaupt nicht einsehbar. Die Familie will das Geschichtsbild kontrollieren und entscheiden, wer welche Dokumente sehen darf, was veröffentlicht wird und was nicht. Das ist klare Manipulation. Da wird ein Staatswesen – „Preußen“ – noch über seinen Tod hinaus als Privatbesitz einer Familie betrachtet. Das ist in meinen Augen der noch viel größere Skandal als die Forderung nach 1,2 Millionen. Die Hohenzollern haben über Jahrhunderte deutsche Politik bestimmt. Wir Historiker brauchen den uneingeschränkten Zugang zu ihrem Archiv.

Wer sagt uns, wie vollständig das Archiv der Hohenzollern noch ist?

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Da es keinen freien Zugang dazu gibt, wissen wir auch das nicht.

Das Hohenzollernarchiv wird offenbar als privater Familienbesitz betrachtet. Wie trennt man den Privatbesitz der Hohenzollern von dem, was dem preußischen Staat gehörte?

Darüber verhandeln Juristen seit der Flucht des Kaisers. Schon 1920 schrieb Kurt Tucholsky das Gedicht „Wilhelm von Abfundien“: „Und der Rechtsanwalt rollt in die Reichshauptstadt. Ganz Deutschland hört ihn handeln. Mit der Instruktion, die er bei sich hat, will er Schloss und Land und Gut und Stadt in Privateigentum verwandeln. Und sieh! Es gelingt! Denn die Republik ist doof im Prozessieren.“

Kaiser Wilhelm zog doch nicht mit einem Köfferchen ins Exil nach Doorn?

Er hatte mit zirka 59 Güterwaggons voller Schätze eindeutig Übergewicht. Meine Kollegen Jürgen Luh, Truc Vu Minh und Torsten Riotte haben darüber gearbeitet. Unsere Aufsätze werden im gleichen Band erscheinen.

Niemand hat kontrolliert, ob es sich dabei um Privateigentum handelte oder um Staatsbesitz?

Das Land befand sich 1918 im Chaos, da hat sich niemand die Mühe gemacht hat, zu schauen, ob bestimmte Bilder oder auch Porzellan aus der kaiserlichen Privatschatulle oder aber aus der Staatskasse bezahlt worden waren.

Diese Räuberbande, die Hunderte von Jahren sich nicht nur an der eigenen Bevölkerung bereichert hatte, stellt sich jetzt hin und verlangt dafür, dass man ihr ihr Raubgut abgenommen hat, eine Entschädigung.

Das ist die Rechtslage.

Millionen Menschen haben in den vergangenen einhundert Jahren ihren Besitz verloren. Kann man von der Weltgeschichte, die bekanntlich doch selbst das Weltgericht ist, eine Entschädigung vor einem Verwaltungsgericht in Potsdam einklagen?

Da müssen Sie Juristen fragen. Ich bin Historikerin. Ich kann Ihnen aber als Beispiel die Geschichte eines engen Verwandten der Hohenzollern, des Herzogs von Coburg, erzählen. Nach langen Prozessen gegen die Weimarer Republik, bekam er 1925 Immobilien und Kunstschätze im Wert von 37,2 Millionen Reichsmark, nach heutigen Wert zirka 139 Millionen Euro, zugesprochen. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Hätte er das Geld vorher gehabt, wäre es in der Hyperinflation verloren gegangen. Stattdessen konnte er damit nun rechtsradikale Terrororganisationen und später Adolf Hitler großzügig finanzieren. Mit dem Geld, das ihm die Republik gegeben hatte, versuchte er diese Republik zu zerstören.

Wie verfährt man anderswo mit dem Adel?

Der Staat Bayern versorgt die Wittelsbacher offenbar recht gut. Ich habe den Eindruck, die Hohenzollern gucken immer wieder neidisch auf sie. Wir wissen aber nichts Genaues über die Verträge mit den Wittelsbachern. Das ist alles geheim. Ganz anders ist die Lage in Österreich. Die Habsburger bekamen keine Abfindungen. Dabei war Otto von Habsburg ein Anti-Nazi. Er ist emigriert, hat Propaganda gegen Hitler gemacht. Er war also das Gegenteil der Hohenzollern. Die Österreicher haben trotzdem einen klaren Schnitt mit ihrem alten Herrscherhaus gemacht. In diesem Fall könnten wir etwas von ihnen lernen.

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berliner-zeitung kultur додав (ла) Eliana Barclay

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