„Wir müssen die Konflikte austragen“

Echo-online

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07.12.2019 10:48

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Ein Riss geht durch die literarische Welt – der Nobelpreis für Peter Handke entzweit sie. (Foto: Adobe/Anja Kaiser/VRM/fm)

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FRANKFURT/GIESSEN/MAINZ - Eigentlich wollte das Komitee des Literaturnobelpreises in diesem Jahr zu Normalität zurückkehren. Schnell war jedoch klar, dass das mit der Wahl von Peter Handke als Preisträger schwierig wird. Denn die Debatte um Handkes proserbische Haltung im Balkan-Konflikt ist vehement neu aufgeflammt: Schon kurz nach ihrer Verkündung wird die Entscheidung des Komitees in sozialen Medien kritisiert. Wenig später wirft Buchpreisträger Sasa Stanišic Handke in seiner Rede vor, die Wirklichkeit der von serbischen Milizen verübten Kriegsverbrechen zu verdrehen. Bald stehen Forderungen nach einer Preisaberkennung im Raum, auch noch kurz vor der Verleihung fordert die Gesellschaft für bedrohte Völker das – wenn Handke sich nicht bei den Opfern des Völkermordes von Srebrenica und Bosnien entschuldigt. Für Dienstag, zur Verleihung, sind in Stockholm Proteste angekündigt.
Gleichzeitig stellen andere sich hinter Handke: 120 Künstler und Wissenschaftler verliehen ihrem Unbehagen über eine „Anti-Handke-Propaganda“ in einem offenen Brief Ausdruck. Für Ulrich Breuer, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mainz, kommt die Wucht, mit der die aktuelle Debatte geführt wird, nicht überraschend. Schon die Auseinandersetzung nach der Publikation von Handkes Serbienreisebüchern – „Winterliche Reise...“ und „Sommerlicher Nachtrag...“ (1996) – habe eine ähnliche Dynamik gehabt. „Da gab es ein Skandalisierungspotenzial, das jetzt aktualisiert wird“, sagt Breuer. Er hat selbst über die Reisebücher gearbeitet, und sieht einen Teil ihrer Problematik in Handkes Medienkritik begründet: „Es ging hier um einen Kampf zwischen Literatur und Journalismus.“ Weil Handke der Berichterstattung über den Jugoslawienkrieg ein „Versagen der Augenzeugenschaft“ vorwarf – Journalisten übernahmen seiner Ansicht nach vermehrt Urteile anderer, anstatt selbst hinzuschauen – habe er als Literat diese Rolle übernehmen wollen. „So kommt eine Doppelsprechrolle heraus, in der Handke sowohl als Journalist als auch als Literat spricht. Das hat ihn in der Öffentlichkeit um Kopf und Kragen gebracht“, so Breuer.
Man könne aber bezweifeln, dass es „grundsätzlich Dinge gibt, die nicht in einen poetischen Sprachraum überführt werden dürfen“ – was Handke mit seinen Beobachtungen in Serbien und Bosnien in der literarischen Tradition von Laurence Sternes „Empfindsamer Reise“ aus dem Jahr 1768 tue.
„Literatur hat die Aufgabe, Diskursräume auszuloten“
Allerdings lässt Sterne seine Reise nicht durch ein Kriegsgebiet führen. Hat Literatur, wenn sie sich an den Schauplatz eines Kriegsverbrechens begibt, eine ethische Verpflichtung? Einer, der sich beruflich mit solchen Fragen beschäftigt ist der Germanistik-Professor Sascha Feuchert. Er leitet die Arbeitstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen. Für ihn hat zwar nicht die Literatur an sich eine solche Verpflichtung – selbst bei einem so heiklen Thema wie Völkermord sollte es keine allzu einengenden Ver- und Gebote literarischer Mittel geben. Aber sehr wohl seien die Autoren zu einem sensiblen Umgang verpflichtet. Wobei es gleichzeitig zur Aufgabe der Literatur gehöre, „Diskursräume auszuloten“ – was bei einem stark mit der Frage der Opfergerechtigkeit verbundenem Thema schnell auf Widerspruch stoßen kann. „Dass diese Diskussionen oft relativ emotional und sehr groß werden, halte ich für normal und notwendig“, sagt Feuchert. Die Auseinandersetzungen gehörten dazu, als „Verständigen darüber, was wir als angemessen empfinden, oder als nicht angemessen“.
Nicht den Disput an sich sieht Feuchert also als Problem, sondern dass er im Zuge der Internetkultur zuletzt oft „verkürzt geführt“ würde: „Es geht um Schlagworte, Erregung, Empörung“. Der Frankfurter Literaturwissenschaftler Christian Metz erkennt in der zunehmenden moralischen Empörung über Literatur auch ein Abrücken von der Autonomieästhetik, die Kunst jenseits der moralischen Sphäre verortet.
Wie sollten Institutionen dann auf solche Empörungswellen reagieren? Sie zu ignorieren – was größtenteils der Haltung des Nobelkomitees entspricht –, oder dem Druck durch Absage oder Aberkennung nachzugeben, hält Feuchert beides für falsch. „Wir müssen die Konflikte mit robuster Zivilität austragen“, sagt er – durch ernsthafte, tiefgründige Debatten.
Was für Feuchert meist keine Option ist: Das Werk vom Autor und seinen politischen Ansichten zu trennen, wie einige es in der Handke-Debatte fordern. Das ginge nur, wenn das Politische eine private Angelegenheit bleibt. „Aber sobald es Teil des Werkes wird, oder der Autor seine Werkpopularität nutzt, um politisch zu agieren – das ist bei Handke ja der Fall – kann man das nicht trennen“.
„Man kann das aus dem Werk nicht herausstreichen“
Auch Ulrich Breuer hält es nicht für möglich, die Serbienreisebücher von Handkes restlichem Werk zu trennen. Nicht zuletzt weil Jugoslawien darin, teils biografisch bedingt, seit den Achtzigerjahren eine immer größere Rolle gespielt habe als „Märchen- oder Sehnsuchtsraum, eine Art Utopie“. Diese Utopie habe Handke nach dem Kriegsausbruch durch seine Reisen retten wollen. „Deshalb kann man das aus dem Werk nicht herausstreichen“, sagt Breuer. „Auch wenn es politisch törichte Seiten hat, wo Handke als Kommentator der Situation vor Ort erscheint und teils wohl tatsächlich ahnungslos gewesen ist.“ Was Breuer stattdessen empfiehlt? Was auch Handke zuletzt in einem Interview wünschte: „Dass man seine Bücher liest und dann urteilt – auch hart und mit aller Entschiedenheit“.
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