Was unterscheidet Oper, Operette und Musical?

Freiepresse

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07 June 2019 02:00

Was unterscheidet Oper, Operette und Musical?

(Diese Frage hat Ute Huth aus Freiberg gestellt.)

Wie leicht zu erkennen ist, handelt es sich bei dem Wort "Operette" zunächst mal um eine Verkleinerungsform des Wortes "Oper". So wurde denn als Operette, bevor das so benannte landläufige Musiktheatergenre bezeichnet wurde, unter anderem eine kurze, in der Regel einaktige Oper als Operette bezeichnet. Aber das nur am Rande.

Was wir heute als Operette verstehen, ist ein Musiktheaterwerk mit einer leichten, in der Regel heiteren, allenfalls sentimental geprägten Handlung und der dazu passenden Musik: Eingängig, tänzerisch, schwungvoll. Als erster bis heute bekannter und geschätzter Komponist dieses Genres gilt der in Köln geborene, jüdischstämmige Komponist Jacques Offenbach, der in seiner Wahlheimat Paris zwischen den 1850er- und 1870er-Jahren mit seinen oft zeitkritisch-satirischen Singspielen, das Bekannteste ist wohl "Orpheus in der Unterwelt", legendäre Erfolge feierte. Eigene Operettentypen, die sich graduell vom Pariser Genre abhoben, bildeten sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundertsin Wien und Berlin heraus. Letztere Spielart war politisch konkreter und musikalisch wandlungsfähiger, etwa in den 20er-Jahren, als der musikalische Einfluss aus den USA neue Modetänze mit sich brachte, die rasch Einzug ins Stilmittelrepertoire fanden. Die Wiener Operette war dagegen meist "opernhafter" und in der Regel auch nicht ganz so "konfliktfreudig" wie ihre Schwestern von der Spree und von der Seine.

Aber wo ist nun die Grenze zur Oper? Sie ist fließend. Eine Oper kann man im Gegensatz zur Operette sowohl über heitere, aber auch über ernste Dinge schreiben. Eine Operette hingegen handelt eigentlich nie von einer tief ernsten Angelegenheit, es sei denn, sie treibt absichtlich mit Entsetzen Scherz. Dann sind wir wieder bei dem satirischen Potenzial, das die Oper nicht hat. Auf die Handlung zugespitzt: In der Operette wird erheblich weniger gestorben als in der Oper. Beim "Ring des Nibelungen" etwa, dem großen Opernzyklus von Richard Wagner, der zu Pfingsten wieder in der Chemnitzer Oper gezeigt wird, überleben am Ende zehn Figuren den letzten Vorhang nicht. Auch die Hauptfiguren von Verdis "La Traviata" und Puccinis "La Bohème", beide Frauen "niederen Standes", die am Ende an der Tuberkulose sterben (dafür aber zuvor in der Regel erstaunlich gut singen!), sind nur in einer Oper denkbar. In der Operette ist der Tod selten zu Gast.

Das Musical wiederum ist ein Abkömmling der Operette, die sich zum Beispiel am New Yorker Broadway vor rund 100 Jahren mit zahllosen anderen kulturellen Strömungen mischte. Swing, Jazz, Showformate wie Minstrel-Shows, Revuen, Varieté, Sprechtheater - all das floss ein, bis sich in den 20er-Jahren das Musical, ein Bühnenwerk mit Gesangsnummern und Dialogen sowie Tanzeinlagen, herauskristallisierte. Eine genauere Definition des Begriffes ist schwierig, da er eine große Stilfülle umfasst und sich die Vorstellungen davon im Lauf der Zeit geändert haben. Zur Musik so viel: Werden Oper und Operette standardmäßig von einem Sinfonieorchester begleitet, sind etwa beim Musical auch andere Musikensembles denkbar.

Ein häufiges charakteristisches Merkmal des Musicals ist seine Selbstbezüglichkeit: Seine Handlung spielt nicht selten im Showbusiness oder in dessen Dunstkreis. Was nicht bedeutet, dass die Handlung immer nur glamourös-oberflächlich und idealisierend ist. Im Gegenteil. Oft behandelt sie die Kluft zwischen der Leichtigkeit des Scheins und der Härte des Seins. "A Chorus Line" etwa zeigt das knallharte Auswahlverfahren der Darsteller für ein Broadway-Musical. "Show Boat", ein frühes "echtes" Musical von 1927, spielt auf einem der damals in den USA verbreiteten Theaterschiffe. Sein Hauptthema aber ist Rassismus. "Cabaret" handelt von verschiedensten Charakteren im Umfeld eines Berliner Nachtklubs der frühen 30er-Jahre und vom Zerbrechen ihres Lebensglücks nach Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zwar nicht im Showgeschäft, aber in einer Gemeinschaft, deren Ende ebenfalls von außen erzwungen ist, einem jüdischen Schtetl im zaristischen Russland, handelt "Anatevka". Das heißt: Das Musical vermittelt auch ernste Themen mit leichter Hand. Wie es im Musicalfilm "Mary Poppins" heißt: "Mit 'nem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin."

Aber das Genre ist vielseitig, und man kann damit alles Mögliche darstellen. Es gibt biografische Musicals ("Mozart!"), biblische Musicals ("Jesus Christ Superstar"), Fantasy-Musicals ("Der Herr der Ringe"), Märchenmusicals ("Cinderella"), Kriegsmusicals ("Miss Saigon"). Auch Spiel- ("Das Wunder von Bern") und Trickfilme ("Der König der Löwen") werden "vermusicalt". Romane ("Les Misérables", "Das Phantom der Oper") sowieso. Es gibt sogenannte Jukebox-Musicals, die das Beste von Kultgrößen wie Udo Jürgens ("Ich war noch niemals in New York") oder Abba ("Mamma Mia!") in eine Rahmenhandlung stellen. Am Ende hat Erfolg, was dem Zuschauer gefällt. Darin wiederum sind sich Oper, Operette und Musical völlig gleich. (tk)

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