Österreich Viel heiße Luft am Kaiser

Nw

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17 February 2019 04:18

Manchmal gibt es im Leben Augenblicke, die man gern unvergänglich machen möchte. Beispielsweise, wenn der Kindheitstraum in Erfüllung geht, einmal in einem Heißluftballon durch die majestätische Gebirgswelt der Alpen zu schweben. Wie einfach ein solcher Traum zur Realität werden kann, zeigt eine Reise in den Kaiserwinkl, einem österreichischen Gebirgstal gleich hinter Reit im Winkl. Dort ist das Ballonfahren bei guten Wetterbedingungen im ganzen Jahr möglich, aber im Winter besonders reizvoll. Bis zu zwei Meter hohe Schneewände an den Straßenrändern begrüßen jeden Besucher in Walchsee und Kössen. Wie in vielen Alpenregionen, meint es Frau Holle in diesem Winter beinahe schon zu gut mit den Gästen, die ihren Winterurlaub in der malerischen Gebirgsregion mit ihren von Bergen umsäumten Kesseln, breiten Tälern und großen Seen verbringen wollen. Neben der reizvollen Landschaft lockt der Kaiserwinkl mit einem besonderen Schmankerl: seit 2001 geben sich bis zu 50 Ballonteams aus mehreren europäischen Ländern alljährlich Ende Januar ein Stelldichein zum Ballonfahrertreffen. Doch die Schneemassen stellten in diesem Jahr alles in Frage. Erstmals sah sich der Tourismusverband Kaiserwinkl genötigt, das 18. Alpine Ballooning abzusagen. Die verfügbare Schneeräumtechnik reichte einfach nicht aus, um den Teilnehmern aus sieben Ländern optimale Start- und Landebedingungen zu garantieren. Zur großen Überraschung der Veranstalter reisten dennoch 47 Teams an, für die es unvorstellbar war, auf das traditionelle jährliche Highlight zu verzichten. Als wolle Mutter Natur die Standhaftigkeit der Ballonpiloten belohnen, lässt sie am Anreisetag die Sonne am Himmel erstrahlen. Es dauert nicht lange, bis die ersten farbenfrohen Ballone vor der Kulisse des Zahmen Kaisers in Richtung Osten schweben. Ab und zu ist das Fauchen der Brenner zu vernehmen, bis die 25 bis 35 Meter hohen Heißluftkugeln nur noch als kleine Punkte am Horizont zu erkennen sind. Dem Schneeräumpersonal gelang es in unermüdlichem Einsatz, zumindest einige Areale für die Ballone zu präparieren. Und auch das Rahmenprogramm des Festivals konnte inklusive abendlichem Ballonglühen mit wenigen Abstrichen beibehalten werden. „Unsere Veranstaltung hat sich über die Jahre zum größten mitteleuropäischen Winterballonfestival entwickelt", sagt der Vorstand des Tourismusverbandes Kaiserwinkl, Gerd Erharter, mit berechtigtem Stolz. Die aus Spanien angereisten Ballonpiloten José Antonio Garcia und José Luis Calderon drücken dem Vorstand anerkennend die Hand. 26 Stunden waren sie unterwegs, um nach Kössen und Walchsee zu gelangen. „Eine derart traumhafte Winterlandschaft haben wir in Spanien nicht. Deshalb können wir es kaum erwarten, hier in die Luft zu gehen." Auch wenn das Ballonfahren im Kaiserwinkl ganzjährig möglich ist, nutzen Wintergäste das Festival aufgrund der günstigen Preise besonders gern zum Mitfahren. Dafür packen die Mitreisenden bei Start und Landung mit an, um – je nach Größe – rund 4.000 Kubikmeter heiße Luft in den Ballon zu blasen und auch wieder herauszudrücken. Helmut Winkler, Geschäftsführer von Ballooning Tyrol, ist seit elf Jahren als Pilot dabei und hat bereits 550 Starts absolviert. „Der Winter ist für uns die beste Jahreszeit", schwärmt er. Bei kühlem Wetter lassen sich die 60 bis 70 Grad Temperaturunterschied zwischen Balloninhalt und Außenluft, die für ein Aufsteigen des Gefährts notwendig sind, mit wesentlich geringerem Aufwand erreichen als im Sommer. Zudem sind Ballonfahrten bei guter Witterung ganztags möglich und manche Piloten können gar eine Alpenüberquerung wagen, die im Sommer aufgrund der Thermik kaum machbar ist. Seine fünf mitreisenden Gäste halten die Ballonhülle weit aufgespannt, während der erfahrene Pilot mit einem Ventilator heiße Luft einleitet. Nach und nach schwingen sich alle in den Korb und schon beginnt die abenteuerliche Fahrt. Als wären die Gesetze der Gravitation außer Kraft gesetzt, schwebt das rund eine Tonne schwere Gefährt pro Sekunde 1,5 Meter in die Höhe. Leicht rieseln einige Schneeflocken vom Himmel und verleihen der traumhaften Winterlandschaft einen mystischen Charakter. Schemenhaft zeichnen sich am Horizont bewaldete Gebirgskämme ab, zu deren Füßen die typischen Tiroler Block- und Fachwerkhäuser auftauchen. Die Eisdecke des Walchsees überrascht mit ihren unterschiedlichen Grauschattierungen und Mustern. Rund um den See sind Skilangläufer auf gespurten Loipen unterwegs und vom Zahmen Kaiser ziehen alpine Skifahrer ihre Bögen hinunter ins Tal. Der Megahit „Up, up and away" ruft sich ins Gedächtnis, als „The 5th Dimension" eine Ballonfahrt beschrieben, bei der die Welt von oben betrachtet ein schönerer Ort sei. Wer im Winter mit eisigen Temperaturen im Korb rechnet, wird in luftiger Höhe von einem angenehmen Reiseklima überrascht. Pilot Winkler lässt den Ballon nun sinken und gleitet kurz wie mit einem Eissegel über die glatte Oberfläche des gefrorenen Sees. Das geschmeidige Korbgeflecht fängt Unebenheiten ab und hinterlässt Schlitterspuren. Nach mehrmaligen kurzen Brennerzündungen geht es wieder auf 200 Meter Höhe, wo der Pilot Ausschau nach einem Landeplatz hält. Jetzt folgt einer der spannendsten Momente der Fahrt. Geschickt nutzt Helmut Winkler die unterschiedlichen Windströmungen der einzelnen Luftschichten aus, um das Fahrzeug möglichst punktgenau neben einer Chaussee auf den Boden zu setzen. Gemeinsam mit dem Ballonteam jonglieren alle den Korb auf einen bereitstehenden Transportanhänger, legen den Ballon zusammen und feiern mit einem Glas Sekt die bestandene Ballontaufe. Beim nächsten Start werden die so in den Ballonfahrer-Adelsstand erhobenen Passagiere mit den bei der Taufe verliehenen Titeln als Herzog, Graf, Fürstin oder Baronin in die Luft steigen.

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nw kultur added by Jaden Lucero

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