Neue Ausstellung: Hier waren die konspirativen Stasi-Wohnungen in Ost-Berlin

Berliner-zeitung

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28 March 2019 06:08

Berlin -

Es wurde 40 Jahre lang in der Hauptstadt gehorcht und geguckt. Wie ein gigantisches Spinnenetz hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über ganz Berlin ausgebreitet. An Hunderten Orten im gesamten Stadtgebiet baute es geheime Stützpunkte auf. Nicht nur im Ostteil, der damaligen Hauptstadt der DDR, auch in West-Berlin gab es sie - in ganz normalen Wohnhäusern lagen die kospirativen und geheimen Quartiere, mitten im Leben der ahnungslosen Berliner. Das ganze Ausmaß war der Öffentlichkeit bisher unbekannt. Jetzt zeigt eine Ausstellung, in welchen Wohnhäusern die konspirativen Wohnungen lagen. 

Die Karte zeigt die Stasi-Wohnungen in Berlin. Die roten gab es seit 1945, wurden von den Sowjets übernommen, die gelben entstanden in den 50er Jahren, die grünen in den 80er-Jahren.

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Gedenkstätte Hohenschönhausen

Mitten in den Kiezen lagen die geheimen Quartiere, mitten im Leben der ahnungslosen Berliner. Konspirative Wohnungen der DDR-Staatssicherheit, die für Treffen mit Informellen Mitarbeitern (IM) oder zur Überwachung von Regime-Gegnern noch Wochen nach dem Mauerfall vor 30 Jahren genutzt wurden.

4000 Lämpchen zeigen geheime Stasi-Stützpunkte in Berlin

Das ganze Ausmaß, das bisher in der Öffentlichkeit unbekannt war, zeigt jetzt erstmals die Stasi-Opfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen in einer Ausstellung „Stasi in Berlin – Überwachung und Repression in Ost und West“, die am Donnerstagabend eröffnet wird. Mittelpunkt der Sonderschau, die ein Jahr lang zu sehen sein wird, ist ein 170 Quadratmeter großes Luftbild des heutigen Berlin.

Andreas Engwert, Leiter der Ausstellung „Stasi in Berlin - Überwachung und Repression in Ost und West", steht auf einer beleuchteten Luftaufnahme Berlins, auf der der Verlauf der Mauer und Orte markiert sind, die mit der Stasi zu tun hatten. 

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Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Es dokumentiert, wo die Stasi im Ost- und Westteil Berlins seine geheimen Stützpunkte hatte. Durch über 4000 Leuchtdioden werden sie auf der Karte am Boden angezeigt. Die Besucher können auf dieser Karte spazieren und über ein Tablet durch Videos, Fotos und Zeitzeugen-Berichte erfahren, was an diesen Orten einst geschah. Nur 300 dieser Orte waren Stasi-Dienststellen in volkseigenen Betrieben, Abhörstationen oder Fuhrparks.

Der Großteil der aufblinkenden Leuchtdioden auf der Berlin-Karte zeigt die Standorte der konspirativen Wohnungen der Staatssicherheit. „Drei Jahre lang brauchten wir, um mit Hilfe der Stasiunterlagenbehörde die erste komplette Übersicht darüber zu erstellen“, sagt Kurator Andreas Engwert. Davon gab es über 3300 in Ost-Berlin.

„Vor allem in den 80er-Jahren nahmen sie zu, konzentrierten sich besonders in Prenzlauer Berg, Lichtenberg, Friedrichshain und Mitte, wo viele DDR-Bürgerrechtler aktiv waren oder es eine MfS-Dienststelle in der Nähe gab“, sagt Engwert. Viele Wohnungen häufen sich an prominenten Adressen: an der Leipziger Straße, Fischerinsel, Am Tierpark, in der Schönhauser Allee, in der Karl-Liebknecht-Straße oder an der Friedrichstraße.

Die konspirative Wohnung In der Oderberger Straße 31 

Eine dieser konspirativen Wohnung befand sich auch in der Oderberger Straße 31 in Prenzlauer Berg, die unter dem MfS-Tarnnamen „Turm“ geführt wurde. In den Zimmern baute die Stasi Monitore und Tonbandgeräte auf. Die dort postierten hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter filmten mit Kameras aber nicht nur das Geschehen auf der nahen West-Berliner Seite der Bernauer Straße.

Die Schau mit dem Titel "Stasi in Berlin - Überwachung und Repression in Ost und West" soll die verborgene Infrastruktur der Stasi zeigen.

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Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Ihr Hauptziel galt der DDR-Opposition in diesem Kiez. In der Oderberger Straße wohnte unter anderem auch die DDR-Regisseurin und Bürgerrechtlerin Freya Klier, die die Stasi observierte. Während die Stasi in den 60er-Jahren noch äußerst brutal ihre Macht sicherte, ging es in den 80er-Jahren stärker um das Zersetzen von Oppositionsgruppen, Einschüchtern sowie das „Vereinzeln“ von Kritikern.

Mehrere geheime Wohnungen befanden sich laut der in den Archiven gefundenen Unterlagen auch in der Friedrichshainer Mainzer Straße. Das Hauptaugenmerk des Ministeriums für Staatssicherheit richtete sich Ende der 80er-Jahre auf die dort sich entwickelnde Punk-Szene.

Größtenteils wurden die konspirativen Wohnungen in Ost-Berlin jedoch für Treffen mit Informellen Mitarbeitern genutzt. Die Wohnungen stellten dafür entweder MfS-Mitarbeiter zur Verfügung oder sie wurden bei vertrauensvollen SED-Mitgliedern gegen einen Unkostenbeitrag von monatlich 30 DDR-Mark „angemietet“. Zuvor wurden sie „nachrichtendienstlich“ auf ihre Zuverlässigkeit von der Stasi überprüft. Es wurde sichergestellt, dass die „Vermieter“ keine Fragen stellten, was in den Räumen geschah.

Pergamonmuseum diente der Stasi als Geheim-Treff

Selbst ungewöhnliche Orte wurden für konspirative Zusammenkünfte ausgewählt. „Im Pergamonmuseum gab es sogar ein Zimmer, wo sich Stasi-Offiziere, vermutlich wegen der Nähe zum Grenzübergang Friedrichstraße, mit ihren Agenten aus dem Westen trafen“, sagt Kurator Engwert. „An Orten, wo viel Publikumsverkehr herrschte, fielen solche Treffen am wenigsten auf.“

Auch in West-Berlin gab es konspirative Stasi-Wohnungen. „Die Adressen kennen wir nicht“, sagt Engwert. „Die Unterlagen wurden kurz vor dem Ende des Stasi vernichtet.“ Erhalten geblieben ist aber eine Liste mit über 300 Stasi-Wohnungen im ehemaligen West-Berlin, in dem Stasi-Agenten oder West-Berliner, die als IM tätig waren, wohnten und einige von ihnen wohl noch heute wohnen. Viele der Wohnungen befanden sich in Charlottenburg, Neukölln und Kreuzberg.

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berliner-zeitung kultur added by Eliana Barclay

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