Neue ARD-Serie: Wie Top-Schauspieler ein vielstündiges „Klassentreffen“ improvisieren

Berliner-zeitung

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09 March 2019 04:36

Sandra (Elena Uhlig) tratscht immer noch gern, Astrid (Anna Schudt), früher „Titti“ genannt, zieht mit einem weit ausgeschnittenen T-Shirt wie einst die Blicke auf sich, Stefan (Björn Jung) ist der unauffällige Safttrinker geblieben – und Sven (Fabian Hinrichs) redet so arrogant wie damals. Keiner hatte den „Arsch des Jahrgangs“ zum Abi-Treffen nach 25 Jahren eingeladen, gekommen ist er trotzdem. Reale Klassentreffen folgen ja in der Regel einer festen Dramaturgie: Die meisten Teilnehmer fallen in ihre alten Rollen zurück, Cliquen oder Paare finden sich erneut zusammen.

Dieses „Klassentreffen“ in der ARD aber folgt keinem festen Drehbuch – alle Schauspieler bekamen zwar ihre Rollenprofile vorgegeben, durften aber frei improvisieren. Regisseur Jan Gregor Schütte hatte schon mit „Altersglühen – Speed-Dating für Senioren“ und „Wellness für Paare“ bewiesen, dass er Schauspieler mal ganz anders herausfordern konnte und dabei ein eigenes Genre kreiert.

17 Schauspieler, 24 Kameraleute bei ARD-Serie „Klassentreffen“

Zwar ist Improvisation kein Allheilmittel: Axel Ranisch etwa musste für seine beiden Ulrike-Folkerts-Tatorte viel Häme einstecken. Doch Jan Gregor Schütte hat bisher immer Spielflächen geschaffen, auf denen er ganz verschiedene Biografien miteinander kreuzen lassen konnte. Für sein „Klassentreffen“ hat er noch mehr Schauspieler zusammengeführt (17), die von noch mehr Kameraleuten (24) begleitet wurden und insgesamt 130 Stunden Filmmaterial aufgenommen haben – in einer Spielzeit von viereinhalb Stunden.

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Zuzusehen, wie sich Anja Kling und Charly Hübner als Jugendfreunde nach 25 Jahren wieder begegnen, wie Jeannette Hain als Außenseiterin mit erfundenen Geschichten für Verwirrung sorgt, wie Annette Friers Gastgeberin daran erinnert wird, dass sie einst an einem lauen Sommerabend strippte oder wie beharrlich Aurel Manthei bis heute seine Verliererrolle pflegt, das macht natürlich Spaß. Denn hier raschelt kein Drehbuch, hier sind die Dialoge zwar nicht betont originell, wirken dafür natürlich, peinliche Pausen inklusive, ganz wie auf einem echten Klassentreffen.

ARD-Serie „Klassentreffen“: Küssen verboten

Stimmig wirkt auch die Musik von Francesco Wilking und Patrick Reising, bekannt von der Band Tele, die Hits der frühen Neunziger wie „Küssen verboten“ einbauen. Verglichen mit Schüttes bisherigen Impro-Filmen aber bekommen die Schauspieler diesmal weniger Gelegenheit, eine Beziehung auszuspielen, oft bleibt es beim bemühten Smalltalk. Mancher Akteur erliegt auch der Versuchung, auftrumpfen zu müssen.

So spielt Kida Khodr Ramadan einen Tierarzt, der ausgerechnet in der Uckermark mit Schönheits-OPs an Hunden reich geworden sein will. Er wedelt aber so penetrant mit Geldbündeln herum, als sei er ein Gangster aus Neukölln. Womöglich hat Jan Gregor Schütte diesmal zu viele Mitspieler eingeladen, deren Einfälle sich in 90 Minuten gar nicht einfangen lassen. Deshalb gibt es diesmal eine erweiterte Version. In sechs Folgen mit vier Stunden Länge läuft das „Klassentreffen“ beim ARD-Digitalkanal One.

Klassentreffen 20.15 Uhr, ARD, ab 8.3. als sechsteilige Serie ab 20.15 Uhr auf One

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berliner-zeitung kultur added by Eliana Barclay

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