Mark Waschke: „Im Angesicht des Wahnsinns kannst du keinen kühlen Kopf bewahren“

Berliner-zeitung

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05 March 2019 06:26

Dieser Mann steht unter Strom. Mark Waschke lässt sich auf den Sessel in einem der Konferenzräume im Hotel Steigenberger fallen, nur um dann immer weiter Richtung Sesselkante zu rutschen, bis man das Gefühl hat, er müsse bei der nächsten wilden Geste seiner Hände vorn überfallen.

Tut er zum Glück nicht. Er hat alles unter Kontrolle, nur dass er eben auf einem anderen Energielevel läuft als der Durchschnittsmensch. Eines, das es wohl braucht, wenn man nackt und mit Farbe beschmiert im Studio der Schaubühne für die Zuschauer zum Greifen nah über das Leben und die Liebe philosophiert, wie Waschke gerade in „Love Hurts in Tinder Times“, dem Stück von Patrick Wengenroth, das ein paar Tage nach dem Interview aufgeführt wird. Man merkt, wie Waschke sich hineingedacht hat in dieses Stück, im Interview vermischt es sich mit seinen eigenen Gedanken wie Kakao mit Milch.

Was halten Sie von der Apokalypse?

Ich bin schon lange nicht mehr in der Kirche, aber ich mochte es eine Zeit lang, in Hotelzimmern die Bibel aus der Schublade zu holen und die Johannes-Offenbarung zu lesen. Das hat sprachlich so eine schöne Wucht und bringt Bilder, die Normalität zerfetzen und unser Vorstellungsvermögen überschreiten. Bei „8 Tage“ sollte man aber auch im Hinterkopf haben: Es geht am Ende nicht um irgendwelche Kometen, die uns zerstören, sondern darum, dass wir selbst dabei sind, uns zu zerstören. Und die Frage: Würde der Mensch im Angesicht der Katastrophe zum Tier werden? Das finde ich eine sehr spannende Frage. In der Evolution haben sich letztlich die kollaborativen Menschen durchgesetzt, nicht die totalen Egoisten.

Man hat den Eindruck, die Leute sind gerade sehr fasziniert vom Weltuntergang, plötzlich kann der schon mal Gegenstand beim Small Talk in der Mittagspause oder auf Partys sein. Woran liegt das?

Ist das so, ja? Also auf den Partys, auf denen ich bin, redet man zum Glück nicht so viel über den Weltuntergang, da zelebriert man ihn. Als ich in den Achtzigern politisiert wurde, haben sich gerade in Deutschland viele so benommen, als wären sie die Opfer von allem, also die Opfer vom Waldsterben, die Opfer von der atomaren Bedrohung, die ja damals tatsächlich noch ein Stückchen realer war als jetzt gerade.

Ist das Heraufbeschwören des Weltuntergangs ein Versuch, mit einer immer komplexer werdenden Welt umzugehen, weil es leichter ist, über das Ende nachzudenken, statt im Hier und Jetzt etwas zu verändern?

Es geht um die Grundfragen, die schon seit ein paar Jahrzehnten immer wieder unterschiedlich beantwortet werden: Wo ist das Private politisch und wo ist das Politische privat? Und wie bedingt sich das gegenseitig? Und diese Fragen haben im Moment sicher noch mal eine ganz andere Aktualität als noch vor ein paar Jahren. Auch die Frage: Wo kann man sich und wo muss man sich da aufeinander einlassen? Und wo ist es ganz wichtig, egoistisch zu sein. Der wahre Altruist ist ein Egoist, habe ich mal irgendwo gehört, und das mag ich irgendwie.

So nach dem Motto, wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht?

Ja, beziehungsweise: Wirklich an sich zu denken, bedeutet, dass ich für die anderen genauso da bin. Das habe ich früher, als ich noch in der Kirche war, beim christlichen Nächstenliebe-Gebot immer falsch verstanden. Ich habe nur den ersten Teil als Befehl gehört: „Liebe deinen Nächsten!“ Und das wollte ich nicht, weil es gab doch immer so ein paar, die ich nicht nur nicht liebhatte, sondern die ich zutiefst verachtet und bekämpft habe. „Wie dich selbst.“ Diesen Zusatz habe ich erst später begriffen: dass diese Eigenliebe eine Voraussetzung ist, um den anderen lieben zu können. Und ähnlich wie das zusammenhängt, ist es auch mit Liebe und Hass. Der Hass ist für mich nicht das Gegenteil von Liebe, sondern auch nur eine Form von Zuneigung. Das Gegenteil von Liebe ist Gleichgültigkeit. Aber ich kann jemanden nur wirklich hassen, wenn er mir was bedeutet. Damit meine ich jetzt nicht den Hass der Rechten, die Angst vor dem Fremden und dem Anderen haben, sondern aus diesem Blick heraus zu begreifen, dass das Fremde was ist, was ganz viel mit mir zu tun hat. Gab mal so einen Spruch in den Achtzigern: Alles Fremde ist ein Teil von mir, den ich nicht mag.

Wir sind alle eins?

Wenn man mit den Naturwissenschaften guckt: Wo ist denn die Grenze von mir überhaupt? Dann kommt man ganz schnell zu dem Schluss: Es gibt keine Grenze des eigenen Körpers. Ich habe zwar hier meine Hand und da höre ich auf, aber wenn ich mit dem Elektronenmikroskop auf die Haut gucke, dann ist da keine Grenze. Es gibt nur Geschichten über die Grenze. Oder wenn ich die Atome untersuche, die ich ausatme und Sie wiederum einatmen, dann sehe ich: Wir sind alle miteinander verbunden. Und diesen Dualismus finde ich spannend. Wenn ich das weiß, gehe ich mit der Trennung vielleicht anders um.

Und was wäre die Schlussfolgerung daraus, wenn die Welt untergeht? Wenn man „8 Tage“ anschaut, fragt man sich unwillkürlich: Was würde ich in dieser Situation tun? Haben Sie darüber nachgedacht? Wären Sie der Mann mit dem selbst gebauten Bunker? Oder der, der die letzten Tage im Drogenrausch auf Sexpartys verbringt?

I don’t know. Ich glaube, es gibt Sachen, die kann man sich noch so gut dreimal vorher überlegen und dann ist es wie mit einem Erste-Hilfe-Kurs. Den machst du, und wenn dann jemand umkippt, bist du doch total aufgeregt und machst das Nicht-Adäquate und bist hinterher erschrocken. Mir ist das mal passiert vor vielen, vielen Jahren. Da ist mein Bruder bewusstlos geworden, und ich war so aufgeregt. Ich hatte schon mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht, aber danach dachte ich: Machste vielleicht noch mal einen. Das war diese Erkenntnis: Im Angesicht des größten Wahnsinns kannst du keinen kühlen Kopf bewahren.

Was haben Sie damals gemacht, als ihr Bruder umgekippt ist?

Na, einen Notarzt gerufen!

Also haben Sie doch das intuitiv Richtige getan.

Oft ist das ja, einen Schritt zurückzugehen. Im Krav Maga – das ist so eine Mischung aus allen Selbstverteidigungstechniken vom israelischen Geheimdienst –, da ist die Grundhaltung nicht etwa emporgestreckte Fäuste, sondern Hände, die signalisieren: Ich will keinen Konflikt. Und wenn dann die erste Faust vom Gegner geflogen kommt, kann ich die viel besser abfangen als wenn ich in Angreifposition stehe. Die Idee gefällt mir. Es gibt ein angemessenes Verhalten, ein stimmiges Verhalten. Und trotzdem, keiner weiß, ob er nicht in der entscheidenden Situation zum Feigling wird. Folter ist für mich so ein Ding. Es gibt Extremsituationen, da kannst du dir nicht sicher sein, ob du nicht die eigene Mutter verraten würdest.

In „8 Tage“ spielen Sie einen Familienvater, einen Lehrer, einen ganz normalen Typen, der auch noch Uli heißt. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Genau das. Wenn ich in die Welt schaue, sehe ich eher solche Uli Steiners als irgendwelche Heldenfiguren, die die Welt retten, oder irgendwelche Psychofreaks, wo andere Schauspieler sich die Finger nach lecken, solche Rollen zu spielen, weil sie sagen, da kannst du so schön ins Extrem gehen. Ich finde, das Interessante ist, da ins Extrem zu gehen, wo das ganz dicht an unserem Leben dran ist, und zu schauen, wo ist da das Abgründige? Wo ist das Unheimliche im Normalen? Wo ist das Verstörende im Alltäglichen? Mich beglückt es, so einen normalen Typen zu spielen und herauszufinden, wo hat der sich noch im Griff und wo gleitet dem alles aus der Hand, und was macht der daraus?

Nach „Dark“ ist „8 Tage“ jetzt schon die zweite Serie, in der Sie mitspielen. Die Drehzeiten für solche Projekte sind länger als für einen Spielfilm, Sie können in dieser Zeit keine anderen Rollen annehmen. Ist das nicht eher hinderlich für die Karriere?

Bei „8 Tage“ haben wir viel am Stück gedreht. Ansonsten spiele ich viel Theater, da müssen die Produktionsfirmen immer gucken, wie sie das hinkriegen. Da ist die Filmbranche eh schon dabei, sich anzupassen, die ist froh, mit Theaterleuten wie Fabian [Hinrichs, Anm. d. Red.] oder Devid [Striesow] zu arbeiten. Es tut einfach gut, künstlerisch, wenn Schauspieler auch was machen, was ihnen wirklich am Herzen liegt, und nicht nur hier und da anschaffen gehen. Das Tolle ist: So eine Serie ist letztlich wie ein langer Film, ähnlich wie in einem Roman gibt es da eine andere Entwicklungsmöglichkeit für eine Figur, die dehnt sich in verschiedene Richtungen aus. Das hat für mich auch viel damit zu tun, wie ich die Welt wahrnehme, nämlich in Widersprüchen. Diese Zerrissenheit, dass man nicht weiß, wie es genau ist, die kann man in einer Serie viel besser ausspielen als in neunzig Minuten.

Es ist jetzt schon fünfzehn, zwanzig Jahre her, dass amerikanische Serien wie „The Wire“ oder „The Sopranos“ neue Maßstäbe setzten. Warum tun sich die Deutschen noch immer so schwer mit diesem Format?

Bei „The Wire“ siehst du eine Szene, und du fragst dich: Wie machen die das? Wenn das Material stimmt, inspiriert das alle Beteiligten. Du siehst die Schauspieler unglaublich gut spielen, weil die Texte und die Ideen und die Geschichten so stark sind. Und was noch wichtig ist: Es gibt kein Gut und Böse, und das hat was Befreiendes. Bei „The Wire“ gibt es die Guten bei den Bösen und es gibt die Bösen bei den Guten, und es geht eher um die Frage: Bei wem fühle ich mit? Es geht darum, dass du beim Gucken durch was durch gehst und merkst, wie das was mit dir macht, und du bist danach ein bisschen ein anderer als vorher. Das ist dieses Nietzscheanisch-Ekstatische daran, gute Serien zu gucken.

Und was ist jetzt das Problem in Deutschland? Warum haben wir hier noch immer nichts Vergleichbares?

Na, ein paar Sachen gibt es mittlerweile schon. Ich finde auch, dass man bei „8 Tage“ denkt: Wie bitte? Das ist deutsches Fernsehen? Bei „Dark“ genauso …

.. „Bad Banks“?

Absolut. „Bad Banks“ kommt interessanterweise aus dem Öffentlich-Rechtlichen. Wenn man sich die letzten Jahre anschaut, befeuern sich da alle mit der Lust, anders, mutig zu sein. Und „Bad Banks“ hat gezeigt: So geht’s auch.

Es bleibt trotzdem bei einigen wenigen Vorzeigeserien in Deutschland. Müsste das nicht eigentlich anders sein? Sind wir nicht das Land der Geschichtenerzähler?

Nein, finde ich nicht. So sehen wir uns immer gerne. Aber wenn man dann mal wirklich hinguckt, sind die besseren Storyteller die angloamerikanischen, schon immer gewesen. Deutsche Romane zeichnen sich eher durch gedankliche Kosmen aus – die besseren Geschichten erzählen die Amerikaner. Wenn man beim deutschen Fernsehen mit den Machern, Redakteuren, Produzenten spricht, fallen heute noch Sätze wie: Das würde die Figur nicht tun. Oder: Das macht die dann zu unsympathisch. Niemand weiß, was eine Figur tun würde! Und dann noch erst mal an das Publikum zu denken, statt daran, welche Geschichte man erzählen will. Nicht: Was ist mir eigentlich wichtig? Sondern: Kann man das machen? Wie wird das aufgenommen? Das bremst total aus.

Die Deutschen gehen also lieber auf Nummer sicher und heraus kommt Mittelmaß?

Es gibt ganz viel Schrott. Nur weil Serie drauf steht, wird’s nicht besser. Ich will das jetzt nicht aufzählen, sonst denkt man, der will den Kollegen ans Bein pinkeln. Fehler müssen ja auch passieren können. Im Theater lernt man so toll, dass Scheitern dazu gehört. Dass man die Möglichkeit hat, auch mal was richtig zu versemmeln. Die Lust aufs Mutig-sein, die jetzt da ist, die kann auch schnell vorbei sein, wenn es heißt: Wir haben das jetzt ausprobiert, das ist gescheitert, jetzt machen wir es lieber mal wieder ganz ordentlich. Man muss sich erlauben, hin und wieder auf die Fresse zu fallen.

Und warum tun wir uns so schwer mit gebrochenen Geschichten?

Unsere Sehnsucht nach Gut und Böse und einem Helden, der die Welt rettet, ist sicher so alt wie das Geschichtenerzählen. Dabei haben die guten Geschichten immer Widersprüche, einer der größten ist das Christentum: Es gibt zwar nur den einen Gott, es gibt aber auch noch den Teufel. Das ist absurd! Da ist ein Gott, und wenn er denn nun alles geschaffen hätte, wo kommt dann der Teufel her? Den muss er ja auch geschaffen haben. Das heißt, die christliche Weltanschauung hat den Widerspruch schon immer ausgehalten, dass sie eigentlich nur an einen Gott glaubt, aber gleichzeitig auch noch an einen zweiten, nämlich an den Teufel. Davon kann man lernen, dass man Widersprüche in den Geschichten aushält, die man erzählt.

„Theater und ,Tatort', ich brauche beides“

Wann wird der Mensch zum Tier? Mark Waschke in Berlin.

Foto:

BLZ/Paulus Ponizak

Das ist jetzt das dritte Mal, dass wir bei Gott landen in unserem Gespräch. Sind Sie christlich aufgewachsen?

Ich bin christlich aufgewachsen, ja. Bis ich vierzehn, fünfzehn war, war mir das auch ganz wichtig.

Das waren die 80er-Jahre, ihre Familie wohnte im Saarland, tiefstes Westdeutschland. Ihr Vater kam aber aus dem Osten. Er hat die DDR noch vor dem Mauerbau verlassen. Wie haben Sie das wahrgenommen als Kind?

Ich war zumindest in meinem Umfeld der einzige, der die DDR kannte. Ich bin regelmäßig hingereist, weil meine Großeltern noch da gewohnt haben.

Wo genau?

Die haben in Dessau gewohnt. Ich war vor dem Mauerfall da und nach dem Mauerfall auch noch. Ich finde, das, worüber wir eben gesprochen haben, dieses sehr Widersprüchliche, die Angst vor dem Anderen und die Angst, anders zu sein – das ist alles in so einer Stadt wie Dessau drin. Der Umgang mit dem Bauhaus zum Beispiel, wo es so viele Möglichkeiten gab, Innovation zuzulassen, und es dann gleichzeitig gesellschaftliche Kräfte gab, die davor Angst hatten. In der Geschichte war es immer wichtig, dass sich die Positionen, die so unterdrückt wurden, einmal freie Bahn schlagen konnten. Und was in Dessau passiert ist mit dem Oury Jalloh in der Gefängniszelle – unfassbar, wie man das so hinnimmt.

Und wie haben Sie die DDR als Kind gesehen?

Als Kind und Jugendlicher ist mir aufgefallen, dass der politische Sound gesetzt war, sowohl von Lehrern als auch von den Schülern. Ich erinnere mich an den Honecker-Besuch 1987 in Westdeutschland. Da hieß es: Die DDR, das ist ein großes Gefängnis, und die Menschen werden da alle unterdrückt wie in „1984“ von George Orwell. Und ich habe gesagt: Leute, seid ihr überhaupt mal rübergefahren? Das ist ja alles Blödsinn, was ihr da nachplappert. Das stimmt nicht! Ich musste dabei an meine Verwandten denken, die mit an den Runden Tischen gesessen haben, die Bürgerrechtsbewegung mit unterstützt haben, die SPD mit aufgebaut haben. Man kriegt bis heute mit, dass viele Menschen im Osten das Gefühl haben, meine Geschichte spielt hier keine Rolle mehr. Wir reden von der Bundesrepublik Deutschland, aber was weiter erzählt wird, ist die Geschichte der alten BRD. Und wenn man über „die DDR“ redet, dann wie Geschichtsgewinnler.

Wie war das für Ihre Familie? Was hat diese Erfahrung mit ihnen gemacht?

Es gab einen bewegenden Moment für mich. Mein Vater ist kurz nach dem Mauerfall fünfzig geworden, und sehr viele Verwandte sind rübergekommen zu der Geburtstagsparty. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, die zu sehen, hatte aber Schwierigkeiten, ihnen zu erklären, dass ich mich zwar freue über die Maueröffnung, aber Angst habe vor der drohenden Form der Wiedervereinigung, die sich da schon abzeichnete. Meine Verwandten erzählten davon, was sie alles gerade machen, dass sie alle zusammen gucken, wie man dieses Land verändern kann, und ich sagte: Versucht, so lange wie es geht, zu verhindern, dass ihr von uns geschluckt werdet. Das haben sie nicht geschafft.

Und was wurde aus dieser Aufbruchstimmung?

Die Stimmung ein paar Jahre später, wenn man sich dann zum Geburtstag getroffen hat, das fand ich irre, wie schnell das umschlug in so ein Nicken, sie haben sich mit den Verhältnissen arrangiert, sie waren einerseits froh, dass echt vorbei ist, was da war, und andererseits auch sehr desillusioniert über ihre Einflussmöglichkeiten, die sie sich erhofft hatten. Das Lebensgefühl hat sich verändert. Und was ich ganz fatal finde: im Osten zu spüren, wie sich der Westen per Treuhand viel unter den Nagel gerissen hat, und der Rest da jetzt so vergammelt. Ich bin selbst in Bochum geboren, da sieht es jetzt auch so aus, wie es in vielen kleinen ostdeutschen Städten aussah. Es geht nicht um Ost und West, aber es geht sehr wohl darum, wer gesellschaftlich welche Interessen verfolgt – sowohl bei den Herrschenden als auch bei denen, die da jetzt so schreien, sie würden was für „das Volk“ machen, diese Nazis, die gerade mit im Bundestag sitzen und da rausposaunen, sie wären gegen das Establishment – die kommen doch alle da her! Die Gaulands und Weigels und wie sie alle heißen. Die haben früher für Unternehmensberater und für fette DAX-Firmen gearbeitet und erzählen jetzt, sie würden sich für die kleinen Leute einsetzen. Es ist wichtig, diese Heuchlerei immer wieder zu benennen.

Und dann sind Sie als junger Mann gleich nach der Wende nach Ostberlin gegangen. Was hat sie dorthin gezogen?

Na, die Schauspielschule!

Sie haben schon früh angefangen mit der Schauspielerei, schon als Kind. Wollten Sie nie etwas anderes machen? Sie haben mal in einer Punkband gespielt.

Das war noch im Saarland.

Eine saarländische Punkband.

Genau. Die hieß Ignaz.

Gibt es noch Aufnahmen?

Aus der Zeit mit mir leider nein. Die besten Aufnahmen waren mit dem anderen Sänger. Was ich nach wie vor beneide, wenn ich Konzerte sehe, und wo ich in den besten Momenten versuche, etwas hinüberzuretten in die Schauspielerei, ist dieses Ausufernde und Intuitive, diese Möglichkeit, ganz krass und drastisch sein zu können und im nächsten Moment wieder ganz poetisch und zart. Gleichzeitig ganz eindeutig zu sein und ganz uneindeutig. Was Pop kann, was Punk kann, was Rock kann, das ist mir aus dieser Zeit noch ganz wichtig. Das finde ich an Musik grundsätzlich toll, wie sie so archaisch was mit einem macht.

Sie sind 1995 nach Berlin gekommen, um hier an die Schauspielschule zu gehen. Warum wollten Sie unbedingt an die Ernst Busch?

Ich hatte in den 80er-Jahren Kinder- und Jugendtheater gemacht, und da gab es so ein Buch, das hieß „Handbuch zur Schauspielausbildung“. Unser Theaterleiter hat daraus ein paar Übungen mit uns gemacht, der war so ein eher konservativer Volkshochschulmensch. Der wollte dieses Buch immer nicht so richtig aus der Hand geben, und als ich es dann mal in der Pause stibitzt habe, wusste ich, warum. Das war aus der DDR, das Buch! Ich habe dann weiter recherchiert und dachte, wie wäre das eigentlich, wenn ich jetzt in die DDR ginge, um dort die Schauspielschule zu besuchen, weil ich das hier viel spannender finde als das, was ich von den westdeutschen Schauspielschulen weiß? Dann fiel zum Glück die Mauer, und ich musste nicht mehr wie Peter Hacks vom Westen in den Osten rüber, was aber im Rückblick echt spannend gewesen wäre. Wenn ich mal ein Serien-Projekt machen sollte, dann würde ich so was machen: Was wäre eigentlich, wenn es die DDR heute noch gäbe? Die hätten so Handys, die mit Benzin funktionieren. Ich habe dann später auf der Ernst Busch die Lehrer getroffen, die ich von den Fotos aus dem Buch kannte, bei Horst Beeck hatte ich Akrobatik, bei Frau Drogi hatte ich mein Impro-Seminar, bei Herrn Otte Pantomime und bei seiner Frau Bewegungsunterricht.

Was hat Sie so fasziniert an der Schauspieltradition der DDR?

Diese Mischung aus Brecht und Stanislawski, diese Lust, sich in was hineinzubegeben übers Spielerische, zusammen mit der sozialen Gestusfrage von Brecht, also zu gucken: Wie funktioniert eine Gesellschaft? Und du musst gleichzeitig draufgucken und drin sein, das finde ich nach wie vor noch den stimmigsten Zugang zu diesem Beruf. Es geht darum, sich was anzugucken, es mit sich in Verbindung zu bringen und es dann wieder von sich wegzurücken. Die Welt in sich entdecken und wieder fortschieben. Dialektik! Ich glaube, ich mache irgendwann selbst mal eine Schauspielschule auf. Nein, Blödsinn, auf keinen Fall!

Sie waren in diesem Wahnsinnsjahrgang mit Nina Hoss, Devid Striesow, Lars Eidinger und Fritzi Haberlandt. Hat man das geahnt, dass da Schauspieler ausgebildet werden, die den deutschen Film so sehr prägen würden?

Ich will da fast gar nicht mehr drüber reden. Das ist Zufall, dass wir da alle drin waren. Es bewerben sich sehr viele an dieser Schule, es gibt auch andere Jahrgänge mit tollen Leuten. „Talent ist Interesse“, sagte Therese Giehse. Talent ist nicht: Ich habe so eine tolle Begabung, und ich habe so eine tolle Ausbildung gekriegt. Scheiß drauf, wenn du dich nicht für die Welt interessierst, dich nicht für irgendwas begeisterst und neugierig bist. Einstein hat auch gesagt: Ich bin kein besonders kluger Mensch, ich bin nur ein wahnsinnig neugieriger Mensch. Das könnte ich mir auch auf die Fahnen schreiben. Aber ich fand das immer sehr beglückend, dass wir uns alle immer wiedersehen in der Arbeit. Und dann spürt man, da ist was, das hat man gemeinsam. Trotzdem: Das, was unterschiedlich und anders ist, ist genauso zu spüren.

Sie stehen gerade auf der Bühne, „Love Hurts in Tinder Times“. Was gibt Ihnen das Theater?

Riesenspaß!

Sie sind nackt auf der Bühne.

Lustig, darauf spricht mich jeder an. Ich mache am 2. und 3. März auch einen Soloabend in der Schaubühne, „Metaware“, da hat sogar der Bühnenbildner danach gefragt.

Da sind Sie aber angezogen?

Sehen Sie! Jetzt fragen Sie schon wieder danach! Ich will nicht zu viel verraten – ich weiß es nicht.

Also noch mal, warum ist das Theater so wichtig für Sie als Schauspieler?

Also, zum einen das Körperliche, zwei, drei Stunden am Stück durchspielen. Das andere ist: Der Vorgang, Theater zu spielen, hat für mich viel mehr mit dem zu tun, wie ich es mir vorstelle, wie man mal am Lagerfeuer gesessen hat, Lieder gesungen und sich ein paar Geschichten erzählt und zusammen gefeiert hat. Man hat das zusammen gemacht. Wenn ich „Love Hurts in Tinder Times“ vor 99 Leuten im Studio spiele, ist das, was da in dem Raum passiert, wie ein gemeinsames Ritual, bei dem man sich einander aussetzt und sich überraschen lässt von dem, was passiert. Aber ob ich mich vor 99 Leuten nackt mit Farbe beschmiere und dabei unsere Lebensverhältnisse grundlegend infrage stelle oder vor 10 Millionen im „Tatort“ Sex mit einem Mann habe, wo sich am nächsten Tag jeder fragt, ist der jetzt schwul – das mag ich beides, und ich brauche beides, das bedingt sich.

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berliner-zeitung kultur added by Eliana Barclay

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