„Mantegna + Bellini“: Brüder im Geiste

Berliner-zeitung

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28 February 2019 21:02

Eine Zeitreise beginnt, sobald sich hinter einem die Glastür zur Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie schließt. Und wären die Bilder nicht über 550 Jahre alt, man würde den Alten Meistern aus heutiger Sicht zwar ihr geniales Malvermögen attestieren – ihnen aber auch dreistes Kopieren und Plagiieren unterstellen.

Andrea Mantegna, geboren 1431 nahe Padua, gestorben 1506 in Mantua, und sein Schwager Giovanni Bellini, 1435 geboren in Venedig und da gestorben 1516, malten oder zeichneten mit neidloser Rivalität und größter Selbstverständlichkeit oft zu gleichen Themen und  Motiven - religiöse und mythologische wie weltliche. Unvorstellbar, dass sich unsere globalisierte und doch auch bis in den letzten Farbpunkt auf individuelle Urheberschaft und Solistenwirkung pochende Gegenwartskunst so gelassen, ja respektvoll und harmonisch auf gemeinsamen Ausdruck einlassen würde.

Links: „Maria mit schlafendem Kind“ malte Mantegna fast wie eine farbige Marmor-Skulptur um 1455. / Rechts: Bellini-Madonna 20 Jahre später und das lutschende Kind viel alltäglicher: „Maria mit Kind“, ca. 1475.

Foto:

smb/Gemäldegalerie/Anders / smb/Gemäldegalerie/schmidt

Nun, die beiden Italiener waren gewissermaßen Missionare einer neuen, sich aus dem Mittelalter befreienden Epoche: der Entdeckung des Humanismus und des Beginns der Aufklärung – dies mitten in der Entdeckung der Welt.

Renaissance-Giganten Mantegna und Bellini

Auf stimmungsvoll grün, europaflaggenblau (eigentlich Marienblau), rot, schwarz und violett gestrichenen Museumswänden reihen sich Altäre, Heiligenszenen, stolze weltliche Porträts und Landschaften der Renaissance-Giganten Mantegna und Bellini.

Die Sonderschau mit Leihgaben aus Florenz, Venedig und aus aller Welt ist die Frucht einer harmonischen Kooperation mit der Londoner Nationalgalerie – welch ein Kunst-Pflock, der da bilderreich demonstrativ in den rissigen europäischen Gedanken eingeschlagen wird, mitten im derzeitigen fatalen Brexit-Chaos.

Die Kuratoren Neville Rowley und Dagmar Korbacher haben die Bilder und dazu thematisch ausgewählte Zeichnungen und Grafiken in 17 Kapiteln ganz auf Zwiesprache der beiden Maler angeordnet. Als Betrachter wird man zum Dritten im Bunde bei diesem Austausch, der die Schönheit des Daseins und den Wert und Stolz der Renaissance-Menschen feiert.

Links: Trauer, entrückt in antiker Landschaft:  Mantegnas „Christus als Schmerzensmann“, um 1500. / Rechts: Bellini malte den „Toten Christus, von Engeln gestützt“ schon 1475 viel körperbetont realer.

Foto:

Kunstmuseum Kopenhagen / smb/Gemäldegalerie/Schmidt

Doch was auf den ersten Blick so ähnlich in der Motivwahl erscheint, unterscheidet sich stilistisch dann doch erheblich. Mantegnas Bildwelt steckt noch im Antiken, Bellinis Heilige, Adlige und Patrizier leben schon im geerdet Alltäglichen. Mantegnas früh gefundenen Stil belegen das streng Lineare der Komposition, die fast statuarische Plastizität der Figuren; ganz die Florentiner Schule. Er erfand spektakuläre Szenen, in denen biblische und römische Mythologien sich feierlich und emotional vereinen mit einer humanistischen Weltsicht. In vielen Szenen hielt Mantegna sich noch an die mittelalterliche Tradition.

Dann aber steuerte er seine Madonnen in einen perspektivisch konstruierten Bildraum. Erstmals  in der Geschichte der sakralen Malerei hatte Mantegna mit seinen tonigen Temperafarben  für eine illusionistische Verbindung von Realem und als Fiktion gemaltem Raum gesorgt. Die Handlung führt in einen freien Himmel. So malte man später im Barock.

In Mantegnas Malerei und Zeichnungen, etwa vom Eremiten Hieronymus oder von Christus in der Vorhölle, wimmelt es nur so von fast surrealen Allegorien, mythologischen Szenen. Und humanistischen Idealen. Bezeichnend die ineinandergreifenden Bild-Raum-Folgen, dazu die perspektivischen Verkürzungen der Gestalten.

Bellini verwandelt Mantegnas Gestalten mit leuchtenden Ölfarben

Letztere Stilmittel setzte der jüngere Bellini noch weit mutiger ein. Er verwandelte Mantegnas  entrückte, wie in Stein gehauene Gestalten, die unwirklichen Felsenformationen, mit seinen leuchtenden Ölfarben. Es entstanden lichte, leichte, lebensnahe Szenen geerdeter Menschen  und  atmosphärische Landschaften. Der 1483 zum Staatsmaler der Republik Venedig Gekürte schuf um 1501 ein Meisterwerk, das zu den Schätzen der Londoner National Gallery gehört: Das halbfigurige Porträt des Dogen der Serenìsima, Leonardo Loredan. Das leuchtende Kolorit, die penible, zugleich leichte Pinselführung war wohl auch Ergebnis des Austausches mit seinen jungen, dem modernen Zeitgeschmack folgenden Schülern Giorgione und Tizian.

Ging es beiden, Mantegna wie Bellini, in ihrer Kunst um den Menschen als Maß aller Dinge, damit auch ums Körperliche, erleben wir den Älteren als detailversessenen Dramatiker und den Jüngeren als Maler nachdenklicher, sich ihres Wertes stolz bewusster Renaissance-Charaktere. So unterschiedlich ihr Stil, so gemeinsam ihr Traum – von einer Menschheit mit Zukunft.

Sonderschau „Mantegna + Bellini, Meister der Renaissance“, Gemäldegalerie Berlin, Staatliche Museen, Kulturforum, Matthäikirchplatz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr geöffnet. Bis 30. Juni 2019

Katalog (Hirmer) 39,90 Euro. 

ORIGINAL POST

berliner-zeitung kultur added by Eliana Barclay

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