Klimawandel Arktis fehlt Nachschub an Eis aus Russland

Spiegel

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06 April 2019 13:51


KlimawandelArktis fehlt Nachschub an Eis aus Russland

Die Eismaschine ist kaputt: Eigentlich entsteht das Meereis im hohen Norden vor der Küste von Russland und driftet dann über den Nordpol. Das passiert aber immer seltener. Forscher fürchten Folgen für die Ökosysteme.

M. Hoppmann / Alfred-Wegener-Institut / dpa

Wissenschaftler nehmen in der zentralen Arktis eine Meereisprobe (Archivbild von 2014)


Normalerweise funktioniert die gigantische Eismaschine so: Vor der Nordküste Russlands, in den Randmeeren des Arktischen Ozeans, entstehen im Winter fortwährend große Mengen an Meereis. Voraussetzung dafür sind die extrem niedrigen Lufttemperaturen vor Ort - sie liegen bei bis zu minus 40 Grad. Ein starker, ablandiger Wind schiebt dann das im Flachwasser gebildete junge Eis auf das Meer hinaus.

Ein Teil des Eises wandert dann wie auf einem Förderband innerhalb von zwei bis drei Jahren einmal quer durch die zentrale Arktis. Möglich macht das die sogenannte Transpolardrift. Sie schiebt die Schollen am Ende in die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen, dort schmelzen sie dann.

Doch immer mehr vor Russland gebildetes Eis gelangt aufgrund des menschengemachten Klimawandels und natürlicher Schwankungen gar nicht mehr in die zentrale Arktis. Das berichten Forscher vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven nun im Fachmagazin "Scientific Reports".

Die Wissenschaftler warnen vor den Auswirkungen auf das Ökosystem: Wenn das Eis frühzeitig schmelze, würden weniger Nährstoffe im Nordpolarmeer verteilt. Langfristig sei zu erwarten, dass sich dadurch die Arktis nicht nur physikalisch, sondern auch biologisch und chemisch verändere, so Studienautorin Eva-Maria Nöthig: "Das Ausmaß kennen wir noch nicht."

Partikel sinken früher ab

Vor rund 20 Jahren erreichte noch etwa die Hälfte des in den Randmeeren gebildeten Eises die zentrale Arktis. Mittlerweile seien es nur noch 20 Prozent, schreiben die Forscher. Da immer weniger in den flachen Küstenzonen erzeugtes Meereis bis zur Framstraße gelange, kämen dort auch immer weniger Schwebstoffe und Mineralien an, die beim Gefrieren des Wassers im Meereis eingeschlossen würden.

Esa / DriftNoise / AWI / dpa

Neueisbildung in der Laptewsee vor der russischen Küste im Satellitenbild

Als Beleg führen die Wissenschaftler Analysen an, die seit zwei Jahrzehnten in der Framstraße durchgeführt werden. Mit dem vorzeitigen Schmelzen des Meereises sinken die Partikel früher ab. In den aufgestellten Sedimentfallen in der Framstraße finde man immer weniger sibirische Mineralien, sagte Nöthig.

Die Forscher verfolgten die Wanderung des Meereises mithilfe von Satellitendaten aus den Jahren 1998 bis 2017. "Jenes Eis, welches heutzutage die Framstraße erreicht, wird zum größten Teil nicht mehr in den Randmeeren gebildet, sondern stammt aus der zentralen Arktis", sagte Thomas Krumpen, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war. "Wir werden derzeit Zeuge, wie ein wichtiger Transportstrom abreißt", so Krumpen. Die Welt komme einem eisfreien Sommer in der Arktis "einen großen Schritt näher".

Aktuell historisch niedrige Eisausdehnung

Bestätigt wird das Ergebnis der Studie durch Messungen der Meereisdicke in der Framstraße. "Eis, das heutzutage die Arktis durch die Framstraße verlässt, ist rund 30 Prozent dünner als noch vor 15 Jahren", erklärte Krumpen. Gründe dafür seien die steigenden Temperaturen im Winter und eine früher beginnende Schmelzsaison im Sommer.

Aktuell liegt die Ausdehnung des arktischen Meereises laut Meereisportal.de bei 13,66 Millionen Quadratkilometern. Das ist der niedrigste Wert, der seit Beginn der Messungen für Anfang April festgestellt wurde. Auch im vergangenen Jahr war die Eisausdehnung zum Ende des Winters sehr niedrig, im Sommer war sie dann zumindest nicht ganz so stark zurückgegangen wie in den Jahren 2007 und 2012, als die bisherigen Negativrekorde aufgestellt wurden.

In diesem Herbst soll unter der Leitung des AWI eine spektakuläre Arktisexpedition beginnen. Dabei wird der Forschungseisbrecher "Polarstern" im Eis festfrieren. Das Schiff soll dann mit den Schollen über die zentrale Arktis driften. Es dient Wissenschaftlern aus 17 Ländern als schwimmende Experimentierplattform.

Geklärt werden sollen fundamentale Fragen, wie AWI-Chefin Antje Boetius dem SPIEGEL erklärt hat: "Gibt der Ozean im Winter CO2 ab? Geht das Leben im Eis komplett in den Winterschlaf? Wie wird im Winter die Wärme transportiert zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre?" Man erwarte davon wesentliche Bausteine, "um mit Klimamodellen die enormen arktischen Klimaänderungen nachzuvollziehen und langfristig auch die Wettervorhersagen in unserer Region verbessern zu können".

chs/dpa

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spiegel science added by Aislinn Lister

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