Ein Denkmal für Dolores – Das letzte Album der Cranberries kommt

Landeszeitung

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24 April 2019, 11:42

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Ein Denkmal für Dolores – Das letzte Album der Cranberries kommt

Musik als Trauerarbeit. Die irischen Cranberries haben das Album „In the End“ (erscheint am 26. April) für ihre verstorbene Sängerin Dolores O’Riordan fertiggestellt. Komponist und Gitarrist Noel Hogan erzählt, wie es sich anfühlt, wenn eine Band endet.

„Hätte es sich nach ein, zwei Wochen falsch angefühlt“, sagt Noel Hogan, „dann hätten wir das Studio wieder verlassen und das Ganze vergessen.“ Der irische Songwriter und Gitarrist trommelt schon seit Januar für „In the End“, das achte Studioalbum seiner Band The Cranberries, das am Freitag (26. April) erscheint. Gestern war er dafür in Italien, morgen jettet er nach New York, dazwischen führt er Telefonate mit Deutschland.

Noel Hogan: „Am meisten vermisse ich meine Freundin“

Nichts ist diesmal wie bei den sieben Alben davor, denn „In the End“ wird das letzte Werk der Cranberries sein. Sängerin Dolores O’Riordan starb am 15. Januar 2018 während der Aufnahmesessions unter Alkoholeinfluss in einer Badewanne in London. „In the End“, das elf melodieschöne Indiepop-Songs auflistet, ist auch und vor allem ein Denkmal für Dolores.

Die Cranberries, 1989 gegründet, stammen, aus Limerick (Heimatstadt der Band) und Ballybricken (O’Riordans Geburtsort). Die Stimme der Sängerin, die 1990 zur Band stieß, klang in frühen Hits wie „Dreams“ oder „Linger“ immer, als sei sie zu zart, um sich gegen die Instrumente zu behaupten, nur um sich im Refrain umso kraftvoller über sie zu erheben. 1994 erschien der berühmteste Song, „Zombie“, ein Lied, in dem O’Riordan zu Hogans grollender Grunge-Gitarre über Irland und den Terror im Norden sang. Es war das Jahr, in dem die IRA nach fast einem Jahrhundert des Kampfes eine Waffenruhe verkündete.

„Es ist immer noch schwer“, bekennt Hogan am Telefon mit trauriger Stimme. „Es ist 15 Monate her, aber es fühlt sich an, als hätte ich gestern noch mit ihr gesprochen.“ Über all die Jahre hatte vor allem er als Komponist eng mit O’Riordan, die für die Texte verantwortlich war, zusammengearbeitet. Und immer noch gibt es Momente, in denen er erwartet, dass Dolores durch die Tür kommt. Sie fehlt ihm in all den Routinen, die vor der Veröffentlichung einer Platte so anstehen, sagt er, aber „am meisten vermisse ich meine Freundin“.

Die Cranberries waren immereine Band aus Freunden

Eine Band aus Freunden, das seien die Cranberries immer gewesen. „Wir hatten unsere Hochs und Tiefs wie jede Band, das läuft ab wie in einer Familie“, sagt Hogan. „Und es gab schon auch Momente, da konnten wir vier nicht zur selben Zeit im selben Raum sein. Aber wenn irgendwer von uns Probleme hatte, konnte er sich getrost auf die anderen verlassen. Und die meiste Zeit über waren wir sowieso zusammen in dieser wunderbaren Sphäre, gemeinsam Musik zu erschaffen, dieses Ding namens Cranberries zu leben.“

„Es war total unwirklich“, erinnert sich Hogan an den Morgen, an dem O’Riordans Bruder anrief und ihm die Todesnachricht überbrachte. „Den ganzen Tag über saß ich in meinem Haus in Limerick und erwartete, dass jemand anruft und mir sagt, dass alles nur ein Irrtum war. Es passte nicht zusammen.“

„Leute die sie nie getroffen hatten, wussten alles über Dolores“

Sofort gab es Selbstmordspekulationen, die auch nicht abrissen als der Polizeibericht O‘Riordans Tod als Unfall unter Alkoholeinfluss auswies. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Independent“ hatte sie 2014 nach dem „Flugzwischenfall“, bei dem sie eine Stewardess verletzt und einen Polizisten angespuckt hatte, über ihre „Dämonen“ gesprochen – über sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit, über ihre bipolare Störung, die Ups und Downs, den Alkohol, ihre Scheidung von Ehemann Don Burton, die Trennung von ihren Kindern Taylor, Molly und Dakota, die zum Vater nach Kanada zogen und einen Suizidversuch.

„Ich wusste, dass diese Welle schon am nächsten Tag über uns hinwegschwappen würde“, sagt Hogan. „Und wir entschlossen uns in der Band, nicht online zu gehen. Jeder war jetzt plötzlich ihr bester Freund, ihr größter Unterstützer. Leute, die sie nie getroffen hatten, wussten angeblich alles über Dolores, und natürlich auch, dass sie sich umgebracht hatte.“ Hogan muss sich sammeln, das Weitersprechen fällt ihm schwer. „Alles Menschliche fehlte diesen Kommentaren. Dass sie jemandes Tochter war, jemandes Mutter, dass man diejenigen verletzen würde, die sie wirklich kannten – all das schien diesen Leuten egal. Das hat mich schon sehr wütend gemacht.“

In den letzten Songs schrieb sich O’Riordan die Dämonen von der Seele

Im letzten Jahr, in den letzten Songs schrieb sich O’Riordan ihre Dämonen von der Seele. „Sie war über den Berg, es ging ihr besser, sie war voller Optimismus“, berichtet Hogan, „Sie wollte unbedingt dieses Album machen, sie sagte mir immer: ,Ich habe so viel zu erzählen‘. Ich konnte gar nicht Schritt mit ihr halten. Es sprudelte nur so aus ihr heraus und sie rief mich ständig an, um neue Musik von mir einzufordern. Das Album ist ihre Bilanz geworden, eine Therapie – ein Abschluss, um neu beginnen zu können“

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Was O’Riordan auf „In the End“ erzählt, klingt deshalb zuweilen nach Verzweiflung („Catch Me if You Can“), Einsamkeit („The Pressure“), Desillusioniertheit („In the End“) und könnte Wasser auf den Mühlen der Suizidauguren sein. In der Akustikballade „A Place I Know“ allerdings singt die gläubige Katholikin von einer möglichen Zukunft mit ihren Kindern: „Es tut mir leid, dass ich euch verlassen habe.“ Und „Gestern ist vorbei und ich hoffe“. Sie lebte zuletzt in New York, um näher bei íhrer Familie sein zu können. „Es ist nicht fair, was passiert ist“, sagt Hogan, „dass jemand, der sich durch all das gekämpft hat, gehen muss, als alles gut zu werden scheint.“

O’Riordans Familie gab grünes Licht für das Nachlassprojekt

Ein paar Wochen nach der Beerdigung habe Hogan den Mut gefunden, sich durch die Festplatte zu arbeiten und hatte das Gefühl, dass in dem Material „ein sehr gutes Cranberries-Album steckte. Er stellte die noch unfertigen Songs seinem Bruder, dem Cranberries-Bassisten Michael Hogan und dem Schlagzeuger Fergal Lawler vor. Alle drei befanden, dass es eine Schande wäre, die Lieder nicht zu veröffentlichen. Bei O’Riordans Familie gab es ebenfalls flugs grünes Licht für das Nachlassprojekt.

Viel Schönes habe man weglassen müssen, Songs, die nur Stückwerk waren, aber auch Songs, bei denen nur noch winzige Teile fehlten. „Klar hätten wir das zurechtmixen können“, sagt Hogan, „aber wenn wir das gemacht hätten, wäre Dolores gewiss als Geist zurückgekehrt, um uns heimzusuchen.“ Ein leises Lachen, ein klein wenig Sonne scheint jetzt in Hogans Stimme durch die grauen Wolken.

Nicht alles, wovon sie singt hatte O‘Riordan selbst erlebt. Die erste Single etwa, „All Over Now“ mit ihren klingelnden, an The Cure erinnernden Gitarren handelt von häuslicher Gewalt. „Wake Me When It’s Over“ erzählt ganz allgemein von den schönen Träumen, in denen man verbleiben möchte, aus denen man nicht mehr ins raue, komplizierte Leben erwachen will. Zwei Songs für die Radiosender, die nicht immer nur „Zombie“ spielen wollen, den Song, der in den Brexit-Wirren wieder traurige Aktualität erhielt. Was wird aus Nordirland?

Hogan bedauert die lange Bandpause in den Nullerjahren nicht

„Eine Dummheit“, nennt Hogan den geplanten Bruch Großbritanniens mit der EU. „Ich verstehe nicht, warum sie das tun. Was für ein Schlamassel. Ich habe viele Freunde im Königreich und nicht ein einziger von denen hält den Brexit für eine gute Idee. Und bezüglich Nordirland – niemand dort weiß, was geschehen wird. Jeden Tag wird den Leuten dazu eine neue Geschichte erzählt. Niemand dort will zu der Gewalt zurück, die in den 70er, 80er und 90er Jahren herrschte. In einer perfekten Welt würde es nie soweit kommen, das Thema würde ausfransen, die Leute würden wieder zur Normalität übergehen und sich an den Brexitplan als einen wirklich schlimmen Fehler erinnern. Leider leben wir in einer Welt, in der die Vernunft nicht immer zum Durchbruch kommt.“

Bedauert Hogan inzwischen die lange Bandpause zwischen 2003 und 2009, all die ungenutzten Jahre ohne Cranberries-Musik? „Nein. Wir hatten damals mehr hinter uns gebracht, als wir je erwartet hätten. Alben, Tourneen, immer wieder. Es begann, sich etwas abgestanden anzufühlen. Wir heirateten, bekamen Kinder, der Spaß schien raus. Hätten wir damals weitergemacht, wären wir an den Punkt gekommen, an dem wir nie mehr zusammengekommen wären. Wir verabredeten die Pause, um uns wieder zu treffen, wenn wir das Gefühl hätten, es sei an der Zeit. Ich habe viel Mühe darauf verwendet, den Leuten zu erklären, dass es nie eine offizielle Bandauflösung gegeben hat.“

Die steht jetzt bevor. Und man spürt in Hogan die Unrast, das Unwohlsein, dass mit der Veröffentlichung das Ende der Band einher geht, dass es diesmal keine Tour geben wird wie normalerweise, dass nichts normal ist. Ist ihm in den 15 Monaten je der Gedanke gekommen, die Cranberries könnten mit einer anderen Sängerin weitermachen wie es AC/DC nach dem Tod von Bon Scott und Queen nach dem Tod von Freddie Mercury taten?

Das Bandende: „Es ist sehr hart, der Musik den Rücken zuzukehren“

„Wir haben das in der Band nie diskutiert“, beginnt Hogan. „Aber in den Interviews seit Januar wurde immer wieder gefragt: Warum macht ihr das nicht? Wir haben das dann zurückgewiesen und diese Absage gilt bis heute.“

„Was uns wirklich fehlen wird, ist die aufregende Verwandlung von Studiosongs in Liveversionen zu erleben.“ Sehnsucht ist in Hogans Worten zu hören. „Ich würde lügen, würde ich sagen, ich hätte nie daran gedacht, dieses Album live zu spielen auf irgendeine Weise und sei es nur in einem einzigen Konzert. Nach der Promotion werden wir uns alle erst einmal für ein paar Monate zurückziehen. Nach dem Sommer sehen wir weiter.“

Hogan seufzt. „Es ist sehr hart, der Musik den Rücken zuzukehren. Es macht mir Angst, fühlt sich fremd an. Es ist das, was wir getan haben, seit wir die Schule verließen. Ich weiß nicht was passieren wird. Was zumindest nie und immer passieren wird, sind Auftritte mit einem Dolores-Hologramm. Das hat uns tatsächlich jemand ernsthaft vorgeschlagen.“

Spätestens dann wäre Dolores O’Riordans Geist wohl tatsächlich zur Stelle.

The Cranberries: „In The End“ (erscheint am 26. April)

Von Matthias Halbig / RND

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