Doku „Miami Showband Massacre“: Das Ende der irischen Beatles

Berliner-zeitung

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20 April 2019 21:12

Dublin -

Ray Millar hatte Glück. Der Drummer fuhr am 31. Juli 1975 nach dem Konzert seiner Miami Showband im nordirischen Banbridge mit seinem eigenen Wagen zurück nach Dublin. Von den anderen fünf Bandmitgliedern, die im Tourbus nach Hause unterwegs waren, überlebten nur der Bandchef Des Lee und der Bassist Stephen Travers das Massaker an der Buskhill Road nicht weit von der inner-irischen Grenze.

Travers, der bei dem Anschlag schwer verletzt worden war, ist der Initiator des Dokumentarfilms „The Miami Showband Massacre“ von Regisseur Stuart Sender, der jetzt im Rahmen der achtteiligen „ReMastered“-Serie von Netflix veröffentlicht wurde. Bei der Serie geht es um ungelöste Kriminalfälle aus der Musikwelt. Netflix verspricht „Einblicke, die über das hinausgehen, das bisher bekannt“ geworden ist. Dieses Versprechen wird im Fall der Miami Showband nicht eingehalten. Es bleiben viele Fragen offen.

Fest steht, dass die Band von Soldaten des nordirischen Regiments der britischen Armee in jener Nacht an einer Straßensperre gestoppt wurde. Aber die Soldaten waren auch Mitglieder der protestantisch-unionistischen Terror-Organisation Ulster Volunteer Force (UVF). Zwei von ihnen wollten heimlich eine Bombe im Bus verstecken. Sie sollte die Musiker auf der Weiterfahrt töten, und es sollte wie ein Unfall aussehen, damit man die Miami Showband als Bombenbeschaffer der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) denunzieren und die Grenze hermetisch abriegeln könnte.

Mitte der 70er-Jahre war der Konflikt auf dem Höhepunkt. Sicherheitskräfte und protestantisch-unionistische Kommandos wollten die Grenze abriegeln, um das Rückzugsgebiet für die IRA abzusperren. Das erwies sich jedoch als unmöglich bei mehr als 250 Grenzübergängen. Manche Straßen überqueren auf zehn Kilometern fünfmal die Grenze. Das ist genau das Problem bei den derzeitigen Brexit-Verhandlungen.

Durchsiebt von 29 Kugeln

Die Bombe explodierte damals jedoch vorzeitig und tötete die beiden Soldaten. Die anderen eröffneten daraufhin das Feuer. Der Sänger Fran O’Toole, der Gitarrist Tony Geraghty und der Trompeter Brian McCoy starben im Kugelhagel. O’Toole wurde von 29 Kugeln durchsiebt. Lee und Travers identifizierten zwei der Mörder, die später zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden. So weit die Fakten.

Showbands waren unpolitisch. „Es war wie eine Therapie, zu einem ihrer Auftritte zu gehen“, sagte ein Fan aus Nordirland, wo damals Anschläge und Schießereien an der Tagesordnung waren. Showbands waren ein irisches Phänomen, sie haben das kulturelle Leben auf der Grünen Insel lange dominiert. Zu ihren Auftritten kamen oft mehr als 1500 junge Leute. Die Bands hatten sechs oder sieben Mitglieder, fast alles Männer, sie trugen Anzüge und Krawatten oder Fliegen.

Die besten Bands verdienten gut, die Musiker fuhren teure Autos und hatten ihre eigenen Fanclubs. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, Mitte der 60er-Jahre, tingelten 800 Bands durchs Land. Es war das Zeitalter, in dem der Klerus den Tag und die Showbands die Nacht beherrschten, sagt Derek Dean, der frühere Sänger der Freshmen Showband.

Die Freshmen waren auf einer Serie von vier Briefmarken abgebildet, die den Showbands gewidmet war: einer Musikbewegung, die „die irische Gesellschaft aus ihrer Nachkriegsdepression gerockt“ haben, wie Barney Whelan von der irischen Post sagte, als die Marken 2010 veröffentlicht wurden. Auf den anderen drei Marken waren The Drifters, The Royal und die Miami Showband abgebildet. „Es ist bedauerlich, dass meine Miami-Brüder bei diesem so bedeutenden Anlass nicht dabei sein können“, sagte Des Lee damals. „Aber sie schauen uns sicher von oben zu und sind genauso stolz wie ich.“

Das Repertoire der Bands war durchaus vielfältig. Sie spielten Tanzmusik, aber auch Coverversionen von internationalen Hits, Rock’n’Roll sowie Country and Western. So mancher Musiker, der später weltberühmt wurde, hatte seine Karriere in einer Showband begonnen, zum Beispiel Van Morrison oder Rory Gallagher.

Die Musikhallen in den Städten waren zweckgebaut und aufwendig dekoriert. Auf dem Land hingegen waren es Scheunen aus Betonschalsteinen. Sie lockten das Publikum mit bunten Lichtern und romantischen Namen wie „Wonderland“ oder „Dreamland“. Gigs fanden in der Regel zweimal im Monat statt, und die Jugend reiste aus dem Umkreis von fünfzig Kilometern an. Alkohol wurde nicht ausgeschenkt, an der Bar gab es Schinkenbrote, Kartoffelchips, Tee, Kaffee und Limonade.

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Mitte der 70er-Jahre begann der Niedergang der Showbands. Das lag zum einen an den Diskotheken, die sich in den Städten ausbreiteten, denn im Gegensatz zu den Music Halls gab es dort Alkohol. Zum anderen änderte sich der Musikgeschmack der jungen Leute. Ein wichtiger Faktor war auch das Massaker an der Miami Showband, die als die „irischen Beatles“ galten. Danach trauten sich viele Bands nicht mehr nach Nordirland.

Hing der britische Geheimdienst mit drin?

Travers und Lee hatten bei dem Massaker auch einen hochrangigen britischen Soldaten gesehen. Dem wurde damals nicht nachgegangen. Nach Informationen eines früheren Mitarbeiters des britischen Geheimdienstes handelte es sich dabei um Robert Nairac, der die Aktion mit dem berüchtigten UVF-Mörder Robin Jackson, genannt „Schakal“, geplant hatte.

Die Idee dafür stammte angeblich vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5. In einem kürzlich bekannt gewordenen Brief beschwerte sich die UVF Ende der 70er-Jahre, dass sie fehlerhafte Zünder vom MI5 erhalten habe – „wie im Fall der Miami Showband“.

In einer Dokumentation des irischen Fernsehens RTÉ behaupteten UVF-Mitglieder 1987 hingegen, dass Nairac die Bombe absichtlich gezündet habe, weil er Harris Boyle ausschalten wollte, einen der beiden getöteten Soldaten. Der hatte angeblich mitangesehen, wie Nairac einige Wochen zuvor den IRA-Mann John Francis Green ermordet hatte.

Außerdem soll Nairac laut einer Dokumentation von Yorkshire Television die UVF 1974 mit Sprengstoff für die Anschläge in Dublin und Monaghan versorgt haben, bei denen 33 Menschen getötet wurden. Dennoch verlieh ihm die Armee 1979 posthum das Georgskreuz, die höchste zivile Auszeichnung für Tapferkeit in Großbritannien, weil Nairac trotz „Entführung und stundenlangen Verhören durch die IRA keine Informationen preisgegeben“ hätte.

Der ehemalige IRA-Mann und Polizeiagent Eamon Collins erzählte mir im Juni 1998 eine andere Version. Nairac war Verbindungsoffizier des Militärgeheimdienstes. Er arbeitete gerne undercover ohne Wissen seiner Vorgesetzten. So ließ er sich öfter von dem Offizierskollegen und späteren Tory-Abgeordneten Patrick Mercer zu Kneipen in IRA-Hochburgen fahren. Nairac hatte sich als Autoschlosser ausgegeben und nannte sich Danny McErlaine. Der echte McErlaine war 1978 von der IRA erschossen worden, weil er ihr Waffen geklaut hatte.

Am 14. Mai 1977 besuchte der damals 28-jährige Nairac das Three Steps Pub in Dromintee. Im Laufe des Abends sang er aus vollem Hals das beliebte IRA-Lied „The Broad Black Brimmer“, das von einem Jungen handelt, dessen Vater im Unabhängigkeitskrieg 1920 getötet worden war, bevor sein Sohn geboren wurde. Nairac konnte auf Nachfrage aber nicht erklären, was der Song bedeutete. Das wurde ihm zum Verhängnis. Die Pubbesucher identifizierten ihn als Spitzel, zerrten ihn aus der Kneipe und schlugen ihn tot.

„Dann haben sie die IRA gerufen, um den Leichnam zu entsorgen“, erzählte mir Collins. „Wir haben ihn in der nahe gelegenen Fleischfabrik bei Dundalk durch den Wolf gedreht und als Tierfutter verarbeitet.“ Collins war bis 1985 IRA-Nachrichtenoffizier, aufgrund seiner Informationen sind mindestens 15 Menschen ermordet worden. Dann wurde er geschnappt, packte aus und musste Nordirland verlassen.

Als ich mit ihm sprach, lebte Collins wieder offen in der nordirischen Grenzstadt Newry. „Sie werden mir nichts tun“, sagte er damals. „Ich bin zu bekannt.“ Keine sechs Monate später wurde er ermordet, als er mit seinen Hunden spazieren ging.

Der überlebende Bassist will Gerechtigkeit

Das kommt in der Netflix-Dokumentation freilich nicht vor. Auch auf die offenen Fragen um die Beteiligung des britischen Geheimdienstes gibt die Dokumentation keine Antworten. Das Musical zum Thema, das im August im Belfaster Opernhaus auf die Bühne kommt, versucht das gar nicht erst. Geschrieben wurde es von dem Dramatiker-Duo Marie Jones und Martin Lynch. „Die Idee stammt von Des Lee“, sagt Lynch. „Er möchte das Vermächtnis der Band am Leben erhalten.“ Das Musical zeige Irland, wie es in den 60er-Jahren war. „Vor allem, wie es für die Jungs war, die plötzlich 65 Pfund in der Woche verdienten“, sagt Lynch. „Das war angeblich mehr, als der Premierminister bekam. Diese Jungs waren mit 19 im Paradies: Geld, tolle Autos und Mädchen zu ihren Füßen.“

Für die Miami Showband endete das Paradies am 31. Juli 1975. Travers will das britische Verteidigungsministerium dafür juristisch zur Verantwortung ziehen. „Ein anderes Lebensziel habe ich nicht mehr“, sagt er.

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berliner-zeitung kultur added by Eliana Barclay

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