Digitaler Protest Warum der Hashtag das Megafon nicht ersetzt

Sueddeutsche

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25 July 2019 17:21

Digitaler Protest Warum der Hashtag das Megafon nicht ersetzt

"Fridays for Future"-Demonstration in Freiburg: Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat mehr als 740 000 Follower auf Twitter.

(Foto: dpa)
  • Protest verlagert sich zunehmend ins Internet, wo Engagement ressourcenschonender und die Zielgruppe potenziell unendlich groß ist.
  • Andererseits gehen immer noch Menschen auf die Straße, gerade in den vergangenen Monaten scheint das Demonstrieren im Trend zu liegen.
  • Sich in der physischen Welt zu treffen, schafft Gemeinschaftsgefühl, sorgt für kraftvolle Bilder und übt Druck auf die Politik aus.
  • Das Netz ersetzt den traditionellen Protest nicht, aber es verändert ihn.
Von Jana Anzlinger

Es gibt auch private Plattformen, um Unterschriften zu sammeln. Von denen hält die Sozialdemokratin Stamm-Fibich nicht viel: "Da kann man sich auch als Micky Maus anmelden." Tatsächlich reicht oft eine E-Mail-Adresse aus, um eine Petition anzulegen. Dass nicht immer klar ist, wer dahintersteckt, schadet der Glaubwürdigkeit. Das gilt auch für Netze, in denen ein Mensch mehrere Profile einrichten kann; oder gleich einen Bot programmieren, der automatisiert die eigene Meinung vertritt.

Rita Schuhmacher von Open Petition kennt die Kritik, kann sie aber nicht nachvollziehen. Ihre Plattform, die im Jahr etwa 2000 Petitionen veröffentlicht, prüfe die "Sinnhaftigkeit der Angaben" bei Petenten und Mitzeichnern, etwa ob es die Wohn- oder E-Mail-Adresse wirklich gibt, und sichere sich gegen automatisierte Einträge ab. Open Petition zeigt, wie unterschiedlich die Anliegen sind, für die Menschen im Netz Unterstützer suchen. Unter den aktuellen Bitten und Beschwerden haben drei schon mehr als 100 000 virtuelle Unterschriften gesammelt: eine für den Freispruch der in Italien angeklagten Sea-Watch 3-Kapitänin Carola Rackete, eine gegen die Schließung von Schwimmbädern und eine, die Artenschutz im Grundgesetz verankern will.

Auf den hinteren Plätzen mit weniger als 20 Unterschriften liegen zum Beispiel "'Capri Sun' soll wieder 'Capri Sonne' heißen!" und "Deutschlandweite Tests auf multiresistente Keime in Badeseen". Diese Anliegen haben vielleicht wirklich keine Befürworter - oder die Befürworter wissen nicht von den Petitionen. "Im Netz kann ich theoretisch alle erreichen, aber eben nur theoretisch", sagt Forscherin Villioth. Manche Themen hätten es von vorneherein schwer - die ohne spektakuläre Aktionen und beeindruckende Bilder.

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Die Schüler der "Fridays for Future"-Bewegung sind ein gutes Beispiel dafür, wie das Miteinander von konkreter Aktion und ihrer Verbreitung über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste funktioniert. Ohne Whatsapp-Gruppen, Facebook und andere digitale Kommunikationskanäle wäre die Bewegung in dieser Form nicht entstanden. Über solche Kanäle sprechen sich die Schüler ab und rufen zu Streiks auf - so halten es auch die "Seebrücke"-Mitstreiter. Im Internet bietet "Seebrücke" auch Material an, das lokalen Gruppen zum Beispiel erklärt, wie man eine Demo organisiert und anmeldet. Diese neue Art von Graswurzel-Opposition ist nur durch Online-Vernetzung möglich.

"Fridays for Future" und die "Seebrücke" setzen sich aus vielen lokalen Gruppierungen zusammen, die häufig keine erfahrenen Aktivisten sind und die in ihrem Umfeld Aktionen organisieren. Auch das ist eine Folge der Digitalisierung: Eine große Bewegung, die derart dezentral aufbegehrt, hat es zuvor nicht gegeben.

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