Christopher Ward bei „Einsteins Box“ an der RWTH Aachen

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08 February 2019 15:37

American Dream: Christopher Ward bei „Einsteins Box“ an der RWTH Aachen

Generalmusikdirektor Christopher Ward gibt mit dem Aachener Sinfonieorchester seine Premiere bei „Einsteins Box“ an der RWTH. Dabei schenkte Ward, was die Werkauswahl angeht, seinem Publikum nur wenige Momente ungetrübt guter Laune.

Ein anspruchsvolles und dicht gepacktes Programm mit vier der bedeutendsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts stemmte Generalmusikdirektor Christopher Ward mit dem Aachener Sinfonieorchester bei seinem Einstand in der beliebten Konzertreihe „Einsteins Box“ in der ausverkauften Aula der RWTH Aachen. Mit der charmanten und informativen Moderation der Musikdramaturgin Pia-Rabea Vornholt und den launigen, wenn auch sehr abstrakten Gesprächen von Hochschul-Kanzler Manfred Nettekoven mit kompetenten Dozenten zu Fragen der Musikpsychologie und Musikphilosophie schwoll der Abend auf fast drei Stunden an.

Dabei schenkte Ward, was die Werkauswahl angeht, seinem Publikum nur wenige Momente ungetrübt guter Laune. Dass er das Publikum mit Samuel Barbers Streicher-Adagio, dem bekanntesten Werk der Programmfolge, nachdenklich in die Pause schickte, entsprach der Konzeption des Abends. Schade, dass Ward gerade diesem Leckerbissen die nötige expressive Intensität schuldig blieb. Und Aaron Coplands Suite aus dem Ballett „Appalachian Spring“ kann auf dem nackten Konzertpodium ihre begrenzte musikalische Substanz nicht verbergen.

Den originellsten und zukunftsträchtigsten Beitrag lieferte die skurrile Collage „General William Booth enters into heaven“ des genialen Eigenbrötlers Charles Ives, der hier die „Himmelfahrt“ des Heilsarmee-Generals Booth mit Chorälen und zackigen Marschklängen zelebriert.

Herzstück des Abends war die komplette Präsentation von Leonard Bernsteins Mini-Oper „Trouble in Haiti“, quasi eine vorgezogene Generalprobe der Premiere im Theater am 10. Februar. Ob eine konzertante Vorstellung ohne abgedruckten oder eingeblendeten Text die Lust der jungen Leute auf einen Besuch der vollständigen szenischen Produktion vertiefen konnte, wird sich zeigen.

Immerhin konnte man sich auf die musikalische Originalität des Stücks konzentrieren, mit dem Bernstein zur Entwicklung eines spezifisch amerikanischen Operntypus beitragen wollte. Anders als die 30 Jahre später entstandene Oper „Quit Place“, in die er den vierzigminütigen Einakter einbaute, enthält das Werk noch starke Bezüge um Musical und gefällt durch seinen musikalischen Stilmix, hat aber durch das nachdenkliche Libretto, die durchkomponierte Form und etliche opernhafte Gestaltungsmittel zu etlichen Irritationen geführt.

Dass hier die Brüche hinter der Fassade einer scheinbar intakten amerikanischen Durchschnitts-Familie aufgezeigt wird und der Blick auf die Diskrepanz zwischen „materieller Fülle und geistiger Leere“ nicht zum „American Dream“ passt, hat nicht gerade zur Beliebtheit des Werks beigetragen.

Den Nerv der teils swingenden, teils opernhaften Musik scheint Ward zu treffen, auch wenn die Probenzeit noch nicht ausgereizt ist. Dass man mit dem Bariton Ronan Collett und der Mezzosopranistin Fanny Lustaud exzellente Protagonisten für die Hauptrollen betraut hat, steht aber schon jetzt fest.

Das Publikum folgte dem anspruchsvollen Abend mit vorbildlicher Konzentration. Dennoch könnte der Reihe in den folgenden Jahren ein wenig mehr Unterhaltungswert nicht schaden.

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aachener-nachrichten musik added by Aislinn Lister

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